SPEZIFISCHE PROBLEME BEIM ÜBERSETZEN ÖSTERREICHISCHER LITERATUR INS BULGARISCHE

Wenzeslav Konstantinov

      Sehr geehrte Damen und Herren!

      Ich werde versuchen, Sie möglichst sachlich mit gewissen spezifischen Schwierigkeiten vertraut zu machen, auf die ich bei meiner langjährigen Tätigkeit als Übersetzer und Redakteur von Werken österreichischer Literatur gestoßen bin. Erfahrungen in dieser Hinsicht habe ich mit Texten von Stefan Zweig, Franz Kafka, Robert Musil, Herbert Eisenreich, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Walter Tomman, Kurt Klinger u.a.m. gesammelt.

      Beim ersten Blick auf einen österreichischen literarischen Text bekommt man leicht den Eindruck, es handle sich um die selbe Sprache, die man in Deutschland oder in der deutschsprachigen Schweiz gebraucht. Wenn man aber sich die Mühe gibt, den Text in eine andere Sprache, z.B. ins Bulgarische zu übertragen, wird es bald klar, daß manche Unterschiede bestehen, die dafür sprechen, daß es eine österreichische Schriftsprache gibt. Diese Behauptung mag vielleicht unberechtigt im Munde eines Ausländers klingen, aber gerade die sprachliche Distanz ermöglicht solch eine Feststellung, ermöglicht manche konkreten Beobachtungen, die zu einem wenn nicht überraschenden, doch wenigstens lehrreichen Ergebnis führen. Im Vorwort eines speziellen Wörterbuches ist ja folgendes zu lesen:

      "Es ist aber auch Tatsache, daß wir in der besten Sprache der Gebildeten unseres Landes Wörter anders betonen, anders aussprechen, Hauptwörter mit einem anderen Artikel oder einer anderen Mehrzahlform, Zeitwörter mit einem anderen Hilfswort verwenden, als dies außerhalb Österreich üblich ist." - So die Verfasser des "Österreichischen Wörterbuchs", das 1951 im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht herausgegeben ist.

      Der Übersetzer österreichischer Literatur stoßt auf mehrere Sprachprobleme, worunter mir drei als die wichtigsten erscheinen.

      1. Das sind die Probleme, die mit der Hochsprache verbunden sind. Wie das österreichische Wörterbuch auch besagt, spricht der gebildete Österreicher nicht Deutsch schlechthin, sondern eine stark nuancierte einzigartige im "Wortschatz", also eine österreichische Hochsprache, die eigentlich die Schriftsprache des Landes ist. So z.B. spricht und schreibt der gebildete Österreicher "Samstag" statt "Sonnabend", wie es in den nördlichen Teilen Deutschland üblich ist. Gerade diese spezifische Nuance, die dem Sprachkundigen besagt, daß es sich meist um Österreich oder um Österreicher handelt, muß ihre Entsprechung bei der Übersetzung in die andere Sprache finden. Für die bulgarische Sprache ist das aber unmöglich, denn wir haben nur eine Bezeichnung für diesen Wochentag, nämlich "sabota", was mit "Sabat" verbunden ist. Also dieser meist österreichische Gebrauch von "Samstag", diese manchmal vielsagende Nuance muß notwendigerweise verlorengehen, wenn der betreffende literarische Text ins Bulgarische übertragen wird und muß ersatzmäßig irgendwie anders ausgedrückt werden, wie: das hängt vom konkreten Fall ab; aber letzten Endes muß man diese bedeutungtragende Nuance in die andere Sprache übertragen, denn ohne sie bleibt die Übersetzung unvollkommen und steril.

      Hier möchte ich auf eine andere Schwierigkeit hinweisen, die der Übersetzer österreichischer Literatur zu überwinden hat. Sie hängt mit den unterschiedlichen Wortbedeutungen zusammen, die im Deutschen einerseits und im Österreichischen anderseits vorhanden sind. So z.B. hat das Wort "Milieu" für den Deutschen etwa die Bedeutung von "Umwelt" oder "Lebensverhältnisse". Der Österreicher versteht aber unter "Milieu" auch "Tischdeckchen". Und falls der Übersetzer nicht über ein spezielles Wörterbuch der österreichischen Hochsprache verfügt, dann kann er ohne weiteres in Irrtum geraten.

      2. An zweiter Stelle kommen die Probleme, die mit der österreichischen Umgangsprache zu tun haben.

      Nun ein Beispiel:

      In einem österreichischen Text bin ich auf eine Episode gestoßen, wo ein Kind seine Mutter anfleht, ihm Ananasse zu kaufen. Die Mutter kauft ihm Ananasse vom nahgelegenen Obstgeschäf und das Kind verzehrt sie beim Gehen, wobei es das Körbchen fest an sich drückt. Alles scheint ganz klar, problemlos. Doch wenn man überlegt, sieht man ein, daß hier etwas nicht stimmt. Wie kann ein Kind mehr als einen Ananas und zwar beim Gehen, also ohne die Hilfe eines Messers verzehren. Wenigstens in Bulgarien ißt man Ananasse nicht in so großen Mengen. Vielleicht ist das eine österreichische Sitte? Die Handlung spielt in Wien. Oder handelt es sich nicht um die tropische Frucht Ananas, sondern um etwas anderes? In den mir zugänglichen Wörterbüchern stand kein Wort darüber. Was tun? Da mußte ich einen Kollegen anrufen, der lange Zeit in Wien gelebt hatte, und ihn nach diesen teuflischen Ananassen fragen. Seine Antwort lautete: In Wien versteht man unter Ananasse nämlich Erdbeeren. Ich wollte ihm nicht glauben, in den letzten Tagen mußte ich micn aber selbst überzeugen, daß die Erdbeeren hier in Wien den exotischen Namen Ananasse tragen.

      3. An dritter Stelle kommen die Probleme, die mit den österreichischen Mundarten verbunden sind.

      So z.B. beschreibt der deutsche Schriftsteller Hugo Hartung in seinem Roman "Wir Meisegeiers" die Eröffnung eines neuerrichteten Trikotagen-Werkes in Burgenland. Ein Rundfunkreporter und die Frau des Werkbesitzers stehen vor dem Mikrophon von "Österreich Regional, Studio Burgenland". Der Reporter:

      "Aber ich sehe da eben die Dame des Hauses, Frau Regula Meisegeier, und ich möchte auch sie ans Mikrophon bitten."

      "Gnä' Frau, ich bin sehr erfreut, daß Sie der österreichische Rundfunk hier für ein paar Worte begrüßen darf - trotz Ihrer vielfältigen Verpflichtungen, an diesem schönen, diesem herrlichen Tag. Jetzt darf ich Sie bitten, hier in das Mikrophon... Gnä' Frau, ist das nicht ein wunderbares, ein ganz herrliches Gefühl für Sie: dieses Werk, dieser epochemachende neue Wirtschaftszweig, in unserem lieben Bu-a-genland..."

      "I waas net. Schaun'S, i bin aus der Steiermark. I mag das net: den Pflanz, den Krampf..."

      "Nun, gnä' Frau, aber wir wissen doch, was grad ihre Natürlichkeit, ihr österreichisches Muttertum sozusagen -, was das für einen modernen Managertyp, wie Ihr Gatte ihn darstellt, bedeuten muß..."

      "Vielleicht... Aber wissen S', i mag das ganze Burgenland net.

      Das san ja kaane echten Österreicher mehr, wie mir Steirer! Das san Schlawina, Ungarn und Tschuschen halt!!"

      "Hallo, Ferdl, tu an Sender weg. I bitt di um Himmelswillen, mach wieda an Kabeldefekt... Hast'n scho? Hast dir's eh scho denkt... Guat is... Hast Ö 3 drauf? Guat...!

      "...Ja, gnä' Frau, ham Sie's gehört: ein Kabeldefekt. Man versteht uns nicht mehr. Wir müssen leider das Gespräch abbrechen. Dankesehr, küßdiehand, gnä' Frau...

      "Bitschön, is scho eh ois wurscht..."



      Das ist ein Text, der sich kaum in eine andere Sprache, bzw ins Bulgarische adäquat übersetzen läßt. Hier treten Umgangsprache und Mundart dicht nebeneinander und falls der Übersetzer nicht in Österreich gelebt hat, ist er kaum imstande, sich in diesem Mischmasch zurechtzufinden. Er muß nicht nur über die österreichischen Mundarten Bescheid wissen, er muß auch die Mundarten im eigenen Lande kennen sowie ihren Gebrauch in der Literatursprache vor Augen haben. Und hier ersteht eine neue Schwierigkeit: die bulgarischen Mundarten haben nicht die gleiche Funktion in der Sprachgesamtheit wie die deutschen, bzw die österreichischen. Infolge ihrer historischen Entwicklung haben z.B. manche deutschen Mundarten wie das Bayerische oder das Sächsische eine gewisse Zeit die Funktion etwa einer Hochsprache gehabt. In den kleinen deutschen Herzogtümern sprach und schrieb man die örtliche Mundart. So kann man immer noch deutsche Professoren ihre Vorlesungen auf Bayerisch oder Sächsisch vortragen hören. Und das soll wenn nicht als legitim, so auch nicht als unzulässig gelten. Es ist anzunehmen, daß auch manche österreichischen Mundarten diese Funktion einer verhältnismäßig selbstständigen, parallelen Sprache haben, die von sehr breiten Kreisen der Bevölkerung bis zu den Intellektuellen und Gebildeten gesprochen wird. Im Bulgarischen dagegen haben die Mundarten nur die Funktion einer Ortssprache, welcher sich aber kein gebildeter Mensch bedienen darf. Bei diesen unterschiedlichen Funktionen der österreichischen und der bulgarischen Mundarten ist nicht immer gerecht, Mundart durch Mundart zu übersetzen. Man muß zuerst feststellen, ob der mundartliche Gebrauch im fremdsprachigen Text die Bedeutung einer Hochsprache, einer Umgangsprache oder einer Mundart im Bulgarischen hat. In der Praxis übersetze ich österreichische Mundarten in literarischen Texten entweder durch Hochsprache, oder durch Umgangsprache - je nach der Bedeutung und Funktion. Die bulgarischen Mundarten weisen so stark auf die entsprechenden geographischen Regionen in Bulgarien hin, daß man sie beim Übersetzen kaum gebrauchen kann. Sonst kann vorkommen, daß ein Bauer aus Steiermark wie ein Bauer aus Thrakien spricht.

      Die Wörterbücher können bei der Lösung dieser Probleme nur selten eine Abhilfe leisten. Ein Übersetzer österreichischer Literatur muß also unbedingt eine gewisse Zeit in Österreich verbringen, damit er nicht nur die Sprache, sondern auch die Sitten und die Bräuche des Landes kennenlernt. Erst dann wird es möglich sein, daß die Werke der österreichischen Literatur, durch die Kunst des Übersetzens vermittelt, einen richtigen Empfang in anderen Ländern finden.

      Ich danke für die Aufmerksamkeit.





Wenzeslav Konstantinov, Spezifische Probleme beim Übersetzen österreichischer Literatur ins Bulgarische
- Haus Wittgenstein, am 10 Mai 1977



© Wenzeslav Konstantinov, 1977

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