NIKOLA WAPZAROW: GEDICHTE

Wenzeslaw Konstantinow


                                                                  Verlag Swjat, Sofia 1985
                                                                  Ins Deutsche übertragen von
                                                                  Willi Brückner, Uwe Berger,
                                                                  Günther Deicke, Wolfgang Köppe
                                                                  und Hans-Jürgen Neschtschenko



      Die Poesie Nikola Wapzarows in eine Fremdsprache zu übertragen dürfte keinem Nachdichter leicht fallen, weil sich Wapzarow zwar der Sprache des Alltags bedient, aber damit eine Macht der künstlerischen Suggestion, eine Spannung zwischen den einzelnen Wörtern und Wendungen, eine Intensität des Erlebnisses erreicht, die im Grunde genommen unwiederholbar ist. In seinem Vorwort zur bulgarischen Ausgabe der "Gedichte" Nikola Wapzarows, Sofia 1983, weist Christo Radewski völlig zu Recht darauf hin, daß seine Gedichte (ähnlich wie die von Heine) nach der Meinung von Alexander Balabanow auf den ersten Blick "etwas ganz Gewöhnliches sind, etwas, das du deiner Meinung nach gleich niederschreiben kannst, aber in Wirklichkeit unerreichbar sind." Und weiter: "In ihnen ist etwas, was ganz gewöhnlich und gleichzeitig kaum merklich scheint, etwas, das dich zurückschrecken läßt. Was ist das wohl? - Das ist die Magie der Kunst, die noch niemand genau definiert hat."

      Diese Magie der Dichtkunst Wapzarows kann nur ein Übersetzer wahrnehmen, der mit ihr aufgewachsen ist, der schon als Kind das "Lied vom Menschen" gelesen hat und sich zusammen mit dem Dichter der "wilden Sehnsucht nach Sternen über Famagusta groß" entsinnt. Ein Beweis dafür sind auch die Übersetzungen in diesem Buch. Die deutschen Dichter und Übersetzer Uwe Berger, Günther Deicke, Wolfgang Köppe und Hans-Jürgen Neschtschenko, die fast ein Drittel der Gedichte des Sammelbandes ins Deutsche übertragen haben, legen berufliches Geschick und Gewandtheit bei der Arbeit mit der Sprache an den Tag. Aber ich möchte sagen, daß in ihren Übersetzungen Wapzarows Geist verlorengeht. Seine Gedichte haben sich in literarische Texte mit allgemein informativem Wert verwandelt. Selbstverständlich gibt es auch hier einzelne gelungene Verse und Strophen, indes als Ganzes betrachtet, zeugen diese Übersetzungen von einer gediegenen philologischen Arbeit, aber nicht von einem wirklichen Eindringen in Wapzarows Dichtkunst. Im Gedicht "Der Kampf ist grausam und erbarmungslos", das vor der Erschießung des Dichters entstand. ist die emotionelle und bedeutungsmäßige Pointe in den Worten enthalten: "Doch werden wir im Sturme wieder bei dir sein, mein Volk: wir liebten dich so sehr!" Die Übersetzung von Uwe Berger ist inhaltlich exakt, aber als künstlerische Suggestion falsch. Diese Unrichtigkeit ist auf das unzulässige Enjambement der beiden Finalverse zurückzuführen, das offenbar nur des Reimes wegen gewählt wurde. Es entsteht so eine sprachliche Äquilibristik, die diesem mit Blut geschriebenen Gedicht völlig fremd ist.

      In den Übersetzungen von Wolfgang Köppe stoßen wir auf ziemlich freie Abweichungen vom Originaltext. Nehmen wir zum Beispiel einige Verse aus Wapzarows Gedicht "Zweikampf", die sogar in den Lehrbüchern oft gedruckt werden. In der Übersetzung lesen wir:

                                                                Denn ich bin überall.
                                                                                                      Bin hier wie dort.
                                                                Ein Bauer, der am Holzpflug geht,
                                                                ein Träger aus dem Senegal,
                                                                ein Kohlekumpel tief vor Ort,
                                                                ein Heizer, ein Poet... (S. 34)

      Und im Vorwort von Christo Radewski lesen wir auf Seite 6 über Wapzarow: "Er sieht sich als Arbeiter in Texas, als Lastträger in Algier. Besonders aufrüttelnd aber ist sein Einleben in die Gestalt des Gamins von Paris, der für Frankreichs Freiheit auf den Barrikaden fällt.". In der Übersetzung von Wolfgang Köppe ist keine Spur vom berühmten Gamin von Paris - auf Seite 32 lesen wir: "... entsinnst du dich, wer jener Junge war? Das war ich!" So wurde der Lastträger in Algier jetzt nach Senegal versetzt - beides liegt doch in Afrika? - und der Gamin ist ein gewöhnlicher Junge geworden. Hier wäre eine nochmalige Überarbeitung am Platze gewesen. Auf diesem Hintergrund zeichnet sich gleich deutlich die Meisterschaft des Übersetzers Willi Brückner ab. Er ist an Wapzarows Poesie mit Ehrfurcht von ihrer künstlerischen Ausdruckskraft herangegangen und war offensichtlich bestrebt, gerade diese in ihrer besonderen Art zu bewahren und wiederzugeben. Erfolg hatte er, weil er jene übersetzt hat, die ihm am nächsten lagen, jene, die er allein geschrieben hätte, wenn er Dichter wäre. Willi Brückner war kein Sklave der gereimten Organisation des Originals. Dort, wo es notwendig war, hat er die Zahl der Zeilen erhöht, damit eine adäquate künstlerische Gestaltung erreicht werden kann. Seine Reime sind frisch und unerwartet, ähnlich wie bei Wapzarow, obwohl sie öfters nicht dort erscheinen, wo sie im Original stehen. Brückner hat den Vers nicht in ein im voraus beabsichtigtes metrisches und gereimtes Schema eingesperrt, sondern bei ihm fließt der Vers frei und ungezwungen - ich spreche selbstverständlich von den Gedichten, die in freien Versen geschrieben worden sind. So klingen seine gelungensten Übersetzungen wie Originalpoesie in deutscher Sprache. Nehmen wir ein Beispiel aus dem "Lied vom Menschen".

      Die Anfangsverse wurden von Willi Brückner folgenderweise wiedergegeben:

                                                                Eine Dame und ich
                                                                tragen aus einen Streit
                                                                                                          zur Frage:
                                                                "Der Mensch in der neuen Zeit." (S. 39)

      Hier ist keine Spur von Zwang, von philologischer Exaktheit. Aber gleich ist derselbe poetische Gestus, dieselbe geistige Haltung, dieselbe ironische Distanz zu spüren, die dem Original den einmaligen Klang verleihen. Überdies steckt hier noch etwas: die vier Zeilen bei Wapzarow sind wieder vier bei Brückner, und diese sind auf neue Art und Weise organisiert, die dem neuen Redestrom entsprechen. Der Übersetzer zerkleinert den Vers nicht formal, pedantisch der grafischen Gestalt des Originals folgend, sondern ist um einen neuen Versbau bemüht. Alles geschieht, um die gleiche poetische Qualität zu erreichen. Auf diese Weise interpretiert er nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form des Werks.

      Besonders findig ist Willi Brückner bei der Wiedergabe der Phraseologie in Wapzarows Gedichten. Nehmen wir den Anfang des Gedichtes "Romantik":

                                                                Ein Poem will ich heut schreiben,
                                                                                                                              in dem
                                                                schlagen wird
                                                                                          der Puls der neuen Zeit.

      Aus "der Vers der neuen Zeit" im Original ist bei ihm "der Puls der neuen Zeit" geworden. Das weckt das Gefühl für einen deutschen Vers, für deutsche Ausdrucksfähigkeit. Und diese Arbeitsmethode wurde bei der Übersetzung aller Werke durchgehalten. Das gilt auch für die Gedichte mit streng gebundener Rede, klarer Strophenform und kategorischen Reimen. Auch hier bestand das Wichtigste für Willi Brückner in der Erzielung eines adäquaten künstlerischen Charakters und nicht einer philologischen Exaktheit.

      Selbstverständlich ist nicht alles in der Übersetzung Willi Brückners völlig gelungen. Man kann zum Beispiel darüber diskutieren, ob die geflügelte Redewendung "Das Leben ohne Maske, abgeschminkt - ein lausiger Köter allemal" vollwertig übersetzt worden ist. Man kann auch über einige Titel diskutieren, z. B. "Verständige Einsichten eines Heizers", aber im großen und ganzen ist die von Willi Brückner geleistete Arbeit enorm. Und man kann es nur bedauern, daß er nicht Übersetzer des ganzen Buches war. Für ihn sind oft die nicht so sehr gelungenen Gedichte von Wapzarow "übriggeblieben". . Aber er hat sie nicht "aufpolieren" wollen, weil - seiner Meinung nach - Wapzarow nicht immer Wapzarow ist. Und ähnliches teilt uns auch Christo Radewski im Vorwort zur bulgarischen Ausgabe mit: "Eines Tages wird die Kritik seine begeisterten Lieder anspruchsvoller betrachten und in ihnen auch Schwächen entdecken."

      Und nun noch einige Worte über das Buch. Meiner Meinung nach sollten in einer so repräsentativen Ausgabe, die für den ausländischen Leser bestimmt ist, nur die besten Gedichte des Poeten aufgenommen werden. Aber hier wurden insgesamt 53 Werke aufgenommen, unter denen es auch solche gibt, die bei der Übersetzung unumgänglich bis zu einem gewissen Grade ihre Individualität verlieren, weil sie dem Übersetzer nicht genügend künstlerisches Material zur Wiedergabe bieten. Das Buch ist schön und vornehm gestaltet, enthalten sind auch viele Faksimiles, aber leider gibt es dazu keine Erklärungen, und sie stimmen auch nicht mit dem jeweiligen übersetzten Text überein. Das, was im Buch fehlt, sind Erläuterungen - es gibt keine Anmerkungen über Ortschaften und Realien, die dem Ausländer völlig unverständlich bleiben. Wer weiß, was El-Tepe bedeutet? Und die Namen von Goze und Dame bleiben ein Rätsel. Ähnliche Ausgaben bulgarischer Autoren in der DDR sind zum Beispiel von einem ausführlichen Kommentar und Anmerkungen begleitet. Im Buch entdecken wir auch einige Nachlässigkeiten. Es ist nicht vermerkt, wer der Übersetzer des Gedichtes "Lied der Frau" oder wer der Übersetzer des Vorwortes ist. In einigen Texten stoßen wir auf unerwartete Absätze.

      Aber wenn wir annehmen, daß der Wert dieser Ausgabe vor allem von den künstlerischen Eigenschaften der Übersetzung bestimmt wird, so ist dieser Wert definitiv sehr hoch.








- In: "Germanistisches Jahrbuch der Volksrepublik Bulgarien 1987/1988", Sofia 1987.



© Wenzeslaw Konstantinow, 1987

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