JURA SOYFER UND ELIAS CANETTI
ZWEI DICHTERSCHICKSALE IM WIEN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT

Wenzeslav Konstantinov

      "Das alte Österreich entwickelte in seinem Zerfall am Anfang unseres Jahrhunderts eine Strahlkraft wie ein zerfallender Atom" 1 , schrieb Herbert Zand in einem Essay, dabei nannte er die Namen von Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Arnold Schönberg, Robert Musil und Hermann Broch als Zeugen dafür, daß bisher gebundene geistige Energien mit dem Auseinanderbrechen der staatlichen Form frei wurden.

      Zu den angeführten Namen könnte man noch wenigstens zwei weitere hinzufügen, die von Elias Canetti und Jura Soyfer. Beide kamen nach dem sterbenden und im Sterben leuchtenden Wien der Zwischenkriegszeit, um ihre Dichterschicksale mit dem genius loci der Stadt zu verknüpfen und sich in deren Idiom künstlerisch zu artikulieren.

      Nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie behielt Wien als Kreuzungspunkt vielfältiger politischer und kultureller Ausstrahlungen seine Anziehungskraft insbesondere für die Emigranten aus den Donauländern und der slawischen Region. Ein Grund dafür mag sein, daß Wien als eine Mischung aus Menschen verschiedener Nationalitäten sehr früh zu einer Weltmetropole geworden war.

      Jura Soyfer kam aus dem ukrainischen Charkow, Elias Canetti aus dem bulgarischen Rustschuk. Beide entstammten wohlhabenden judischen Familien, beide waren in slawischer Umgebung aufgewachsen. Der Vater des 1905 geborenen Canetti war Kaufmann, der Großvater besaß eine Firma für Kolonialwaren en gros. Elias Canetti notierte in seiner Autobiographie: "Der Großvater, der seine Kinder als unerbittlicher Patriarch regierte, steckte jeden seiner Söhne früh ins Geschäft, in jeder größeren Stadt Bulgariens sollte es eine Filiale davon geben, unter der Obhut eines seiner Söhne." 2  Der Vater des 1912 geborenen Jura Soyfer war Industrieler, Mitbesitzer von zwei Fabriken. Die Familie führte ein großes Haus mit Zimmermädchen. Jura hatte eine französische und eine englische Gouvernante.

      Im Leben Elias Canettis spielte die Mutter eine gewichtige Rolle. Sie, die mit 27 Jahren den Mann verlor, war für den Sohn eine ebenso fruchtbare wie furchtbare Lehrmeisterin. Sie zwang vor der Übersiedlung nach Wien im Jahre 1913 in einer Anstrengung, die Canetti selbst "Terror" nannte, die deutsche Sprache so tief in ihn hinein, daß er nie anders als Deutsch schrieb. "So zwang sie mich in kürzester Zeit zu einer Leistung, die über die Kräfte jedes Kindes ging, und daß es ihr gelang, hat die tiefste Natur meines Deutsch bestimmt, es war eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache" 3 , erinnerte sich später der Schriftsteller. Dann, in Wien, legte die Mutter mit langen abendlichen Shakespeare-Lesungen den Grundstein für Canettis Liebe zur Literatur, die ihr selbst das Leben bedeutete. Sie brachte es fertig, ihn von allem Erotischen, Sexuellen als etwas angeblich Unwichtigem abzulenken und der Sohn dankte es ihr später, weil ihn diese gelungene Ablenkung ungewöhnlich offen für geistige, künstlerische Erfahrungen machte. 4 

      Im Haus Soyfers war die tonangebende Person die schöne, literarisch interessierte und auf gesellschaftliches Prestige bedachte Mutter, die der Sohn auch später, schon in Wien, leidenschaftlich verehrte. Die Mutter liebte den Sohn abgöttisch und Jura war ihr sehr zugetan, obwohl sie ihn "etwas tyrannisierte", wie Mitja Rapaport, der Jugendfreund, bezeugt. 5  Auf Wunsch und unter Aufsicht der Mutter erlernte Jura Französisch. Ihr waren dann seine literarischen Ambitionen auch nicht gleichgültig. 6  Die innige Mutter-Sohn Beziehung, da sie Jura nicht zerstörte, wurde zur Quelle seiner Kraft.

      Beide, Jura Soyfer wie Elias Canetti, kamen aus einem mehrsprachigen Milieu. Im Haus Soyfers sprach man Russisch und Französisch. In seinem Haus sprach Canetti mit den Dienstmädchen Bulgarisch, in der Familie wurde jedoch Spaniolisch gesprochen. (Später, in England, erlernte Canetti auch Englisch und Französisch.) Doch wenn die Eltern etwas vor dem Jungen geheimhalten wollten, sprachen sie Deutsch; so war ihm der Klang dieser Sprache vertraut, lange bevor er ein Wort von ihr verstand. Deutsch Wiener Färbung war nach Erich Fried die Bildungssprache aller Menschen auf dem Balkan, die etwas auf sich hielten. 7  So hatten Canettis Eltern Deutsch schon in ihrer Jugend gelernt: Sie waren nach Wien in die Schule geschickt worden. "Die deutsche Sprache, die sie mitbrachten, war durchtränkt von dieser politisch-kulturellen Ausstrahlung Wiens, war vor allem für die Mutter identisch mit der hohen Theaterkultur des Wiener Burgtheaters, dessen von Enthusiasmus getragener Eindruck sich bei ihr nie verlor, den sie auf den Sohn übertrug und damit so entscheidend bestimmte, daß Canettis Wunsch, ein Dichter, ein Dramatiker in dieser Sprache zu werden, eigentlich in diesem Eindruck wurzelt." 8 , meint Manfred Durzak. Beide, Soyfer und Canetti, kannten also die Mehrsprachigkeit aus dem Familienmilieu, waren jedoch des Deutsch nicht kundig und mußten die Sprache der Schule, des Spielplatzes, der Straße schnell erlernen. Deutsch, genauer Wienerisch, als Sprache der eigenen Literatur wurde für beide zum Schlüsselerlebnis.

      Canetti und Soyfer kamen nach Wien im Alter von acht Jahren -Canetti 1913, Soyfer 1921 -, beide mußten ihre Heimatländer unter Zwang verlassen: Canettis Eltern zogen 1911 von Rustschuk nach Manchester um, weil sie sich in der kleinen Donaustadt ökonomisch bedrängt fühlten; dazu wollten sie sich von der viel bedrückenderen Tyrannei des Großvaters befreien. Soyfers Eltern mußten vor den bolschewistischen Truppen fliehen und über Konstantinopel nach Wien ziehen. Canetti und Soyfer mußten den Bruch mit dem sozio-kulturellen System erleben, das ihre Kindheit geprägt hatte. Für die spätere Entwicklung beider waren diese frühen Erfahrungen zwar in verschiedenem Maße bestimmend, sie wurden aber Teil ihrer künstlerischen Identität.

      Die ersten literarischen Versuche beider fallen in die 20er Jahre. Als Canetti 1924 zum Studium nach Wien zurückkehrte, schrieb er Gedichte: "aus denen speiste sich mein Selbstbewußtsein" 9 , bemerkte er später. Der um sieben Jahre jüngere Soyfer bewunderte Heinrich Heine, war von dessen Begeisterung für Napoleon angesteckt worden und widmete ihm, nach Mitja Rapoport, "etwas hochtrabende" Verse. (Seltsamerweise war auch Canetti als Junge von der Gestalt des kleinen Generals tief beeindrückt: Noch in Manchester hatte ihm der Vater ein Napoleonbuch - die erste Darstellung eines Machthabers - geschenkt.)

      Die künstlerische Entwicklung Soyfers, wie die Canettis, wurde jedoch von einer großen Figur Wiens der Zwischenkriegszeit entscheidend mitbestimmt. 1924 besuchte der Student Canetti die erste Vorlesung von Karl Kraus im Konzerthaus. Ein halbes Jahrzehnt sollte er unter seinem Einfluß stehen. Der Krausschen "Schule des Widerstands" verdankte Canetti das "Gefühl absoluter Verantwortlichkeit" des Intellektuellen für die Probleme seiner Zeit. 10  Nach 1929 distanzierte sich Canetti jedoch von der erstickenden, "zu moralischer Abstinenz verführenden Haltung" 11  Kraus', und 1934 fühlte er sich durch ihn schon tief enttäuscht. In der Autobiographie notierte Canetti: "Er hatte sich für Dollfuß erklärt, er hatte den Bürgerkrieg auf den Straßen Wiens hingenommen und das Schreckliche gebilligt... Es war, als ob die Person Karl Kraus nicht mehr existierte... Es war eigentlich so, als habe er vor seinem versammelten Publikum eine seiner großartigsten Reden gegen sich gehalten und sich damit vernichtet." 12  Von seiner Beziehung zu Karl Kraus äußerte sich Canetti in einem Gespräch: "Die allmähliche Befreiung von ihm war einer der quälendsten Prozesse meines Lebens." 13  Trotzdem verleugnete er nie, was Karl Kraus ihm bedeutet hatte.

      Jura Soyfer war schon als Mittelschüler begeisterter Krausianer und studierte jahrelang intensiv "Die Fackel". Zusammen mit Mitja Rapoport besuchte er regelmäßig die Kraus-Lesungen. Später jedoch, genauso wie bei Canetti, änderte sich seine Haltung zu Kraus: "Aus bedingungsloser Bewunderung wurde Ambivalenz - sogar Spott." 14 , bemerkte dazu Horst Jarka. Wie viele andere war Soyfer über die Haltung Kraus' nach Hitlers Machtergreifung, ganz besonders aber über seine Ausfälle gegen die Sozialdemokratie, tief enttäuscht. Horst Jarka betonte jedoch: "Soyfer unterschied sich aber von manchen anderen Linken, deren jahrelange begeisterte Anhängerschaft für Kraus schließlich in verdammender Empörung endete, darin, daß ihn die politische Gegnerschaft zu Kraus nie seine Bewunderung für den Meister satirischer Sprache vergessen ließ... Soyfer vergaß nicht, was er Kraus verdankte." 15 

      Dies sind die gemeinsamen Züge der Lebensläufe von Jura Soyfer und Elias Canetti. Bei all der äußerlichen –hnlichkeit wiegen jedoch die Unterschiede im geistigen und künstlerischen Werdegang beider um so schwerer. In ihrer Einstellung zur Vergangenheit und zur eigenen Biographie, zum sozialen Problem und zur Politik, zu Kultur, Literatur und Theater, zu Leben und Tod gingen Soyfer und Canetti völlig auseinander.

      Canetti ist Sepharde, Spaniole; seine Vorfahren wurden im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben und fanden im damaligen Osmanischen Großreich Aufnahme. Die nordbulgarische Stadt Rustschuk am Unterlauf der Donau gehörte bis zur Befreiung Bulgariens im Russisch-Türkischen Krieg im Jahre 1878 zu den Ausläufern dieses Reiches. Daher spielt das Orientalische eine nicht zu unterschätzende Rolle bei Canetti. Über den Geburtsort um die Jahrhundertwende schrieb er: "Von den Spaniolen waren die meisten noch türkische Staatsbürger. Es war ihnen unter den Türken immer gut gegangen, besser als den christlichen Balkanslawen. Aber da viele unter den Spaniolen wohlhabende Kaufleute waren, unterhielt das neue bulgarische Regime gute Beziehungen zu ihnen, und Ferdinand, der König, der lange regierte, galt als Freund der Juden... Sie hielten sich für Juden besonderer Art, und das hing mit ihrer spanischen Tradition zusammen... Mit naiver Überheblichkeit sah man auf andere Juden herab, ein Wort, das immer mit Verachtung geladen war, lautete "Todesco", es bedeutete einen deutschen oder aschkenasischen Juden." 16 

      Dazu kommt noch, daß die bulgarischen Juden im Laufe des langen Zusammenlebens verschiedener Nationalitäten im Lande nie unterdrückt gewesen waren, sie kannten keine antisemitischen Pogrome, keine "Schwarzen Hundertschaften" und Kosaken. Canetti kam nach Wien mit sephardischem Stolz und Selbstbewußtsein geladen, die, trotz seinem Interesse für die Massen, ihm keine Annäherung an sie erlaubten. Die Massen faszinierten und erschraken ihn in gleichem Maß. Deshalb blieb er auf Distanz und beschäftigte sich mit ihnen rein theoretisch.

      Jura Soyfer ist dagegen Aschkenase; seine Vorfahren waren wahrscheinlich aus Preußen oder aus dem Deutschen Kaiserreich nach Rußland gekommen. Im Haus Soyfers sprach man jedoch nicht Jiddisch, sondern Russisch und Französisch. Der Rufname des Vaters "Wolf" war zu "Wladimir" russifiziert worden. Juras Rufname sowie der seiner Schwester waren schon russisch. Nach Mitja Rapoport (der eigentlich Samuel, und sein Vater Daniel heißt) war die Familie Soyfers in der sozialen Anpassung der Juden in Rußland weiter fortgeschritten als seine. 17  Diese Anpassung war für den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie unter der zunehmenden Judenfeindlichkeit in der Ukraine wohl unvermeidlich, der Preis dafür war aber die Identitätsschwäche und die innere Verunsicherung. Mit diesen beladen, kam auch Jura Soyfer nach Wien. Der Jugendfreund erinnert sich: "Er konnte furchtbar zerknirscht sein, und das war er ja viel. Irgendeine Unpünktlichkeit, Vergeßlichkeit, Unverläßlichkeit, das kam ja alles hier und da vor, er verschlief oder so - und dann war er wunderbar zerknirscht." 18 

      Die ersten Wiener Erfahrungen Soyfers und Canettis waren auch verschieden. Canetti konnte die Begeisterung in der kaiserlich-königlichen Hauptstadt beim Ausbruch des Weltkrieges noch erleben: "Da waren die Straßen, die Plätze alle voll von singenden Menschen - erinnerte er sich -, man sah überhaupt nur volle Straßen. Es war eine glückliche, jubelnde Masse." 19 

      Wien am Anfang der 20er Jahre, so wie es Jura Soyfer zum ersten Mal erlebte, war anders. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie herrschte in der Stadt düstre Stimmung. Man spürte schon die Wirtschaftskrise und die wachsende Arbeitslosigkeit. Nach Mitja Rapoport breitete sich insbesondere in Wien ein heftiger Judenhaß aus, der mit der viel schlimmeren Identitätskrise der jungen Republik zusammenhing. 20 

      Jedoch war das Wien der 20er Jahre durch eine sehr große - nach Rapoport - "elementare Anziehungskraft des Sozialismus geprägt". 21  Schon als Mittelschüler las Soyfer Schriften von Marx und Engels. Das größte, für die Geschichte der Ersten Republik so folgenschwere politische Ereignis war der 15. Juli 1927, der Tag an dem der Wiener Justizpalast in Flammen aufging. Das Gebäude wurde nach einem Fehlurteil von den Arbeitern in Brand gesteckt. Die Polizei schoß auf sie, es gab 90 Tote und 600 Verwundete. Elias Canetti war selbst dabei, später erinnerte er sich: "Es ist das Nächste zu einer Revolution, was ich am eigenen Leib erlebt habe... Seither weiß ich ganz genau, ich mußte kein Wort darüber lesen, wie es beim Sturm auf die Bastille zuging. Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahmen." 22 

      Die Reaktion des damals 22-jährigen Canetti auf die blutigen Ereignisse war der verfestigte Beschluß, sein Leben der Erforschung der Masse zu widmen, die ihn "von innen und außen überwältigt hatte". 23  Der 15-jährige Jura Soyfer reagierte darauf, indem er sich der Sozialdemokratie anschloß: er trat in die Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler (VSM) ein und später in die SDAP und den Schutzbund. Der Sohn des Fabrikbesitzers, den die Oktoberrevolution enteignet hat, wurde überzeugter Marxist.

      Elias Canetti dagegen hatte eine differenziertere Einstellung zum Marxismus. In einem Gespräch äußerte er sich dazu: "Ich halte es für eine sehr wichtige Aufgabe, daß jede Zeit noch einmal und von vorn alles durchdenkt, was sie konstituiert und was ihr wichtig ist... Es ist zum Beispiel ganz klar, daß sehr viele Schlüsse von Marx gültig bleiben und richtunggebend sein können. Aber ich persönlich glaube, daß das nicht genügt. Ich glaube, wir brauchen noch mehr, wir brauchen noch die Ergebnisse eigenen Denkens dazu." 24  Canetti, der sich politisch als liberal-sozialistisch sah, mied organisierte aktive Parteinahme. Er wollte in einem großangelegten Roman-Zyklus unter dem Titel "Comédie Humaine an Irren" das paranoische Wien der 20er Jahre als Paradigma der zivilisierten Welt bloßstellen. (So entstand 1931 das erste und als einzig gebliebene Buch der geplanten Oktologie, der Roman "Die Blendung", der als eine Vorwegnahme des aufkommenden Faschismus gelesen werden könnte.)

      Soyfer, im Gegensatz zu Canetti, war ein kämpferischer Sozialist, der sich mit der Arbeiterbewegung identifizieren wollte. Er schrieb zuerst Texte fürs Politische Kabarett sowie politische Gedichte für die "Arbeiter-Zeitung" und dann, nach dem mißlungenen Aufstand des Schutzbundes im Februar 1934, stellte seine dichterische Kunst und seine Arbeit im Dienst der kommunistischen Partei. Soyfer glaubte an die Veränderbarkeit des Menschen, an dessen Fähigkeit, zu lernen und die Möglichkeiten der Zukunft wahrzunehmen. Deshalb wollte er mit seinen Werken zu den Massen und nicht, wie Canetti, zu einer geistigen Elite sprechen. Er wollte am politischen Geschehen teilhaben und durch seine Kunst darauf einwirken. Seine Parolen dröhnten öfters über den Wiener Ring, "ohne daß alle Demonstranten wußten, wessen Worte sie im Chor immer wieder wiederholten", sagt Mitja Rapoport und gibt auch eine Erklärung dafür: "Jura hatte ein exquisites Gefühl für Resonanz bei den Massen." 25 


      Bei allen Unterschieden in der künstlerischen Entwicklung von Jura Soyfer und Elias Canetti gelangten beide, zwar auf eigenen Wegen, zu einem gemeinsamen Thema: "Der Weltuntergang". Einen Niederschlag fand es schon in Canettis Erstdrama "Hochzeit" sowie in Soyfers erstem Mittelstück "Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang".

      Den "Sinn für Apokalyptisches, für drohenden Untergang" hatte Canetti schon in der Kindheit in Rustschuk entwickeln können, wo er den allgemeinen Schrecken beim Erscheinen des großen Halley'schen Kometen miterlebte. In einem Interview erinnerte er sich daran: "Es herrschte eine mittelalterliche Weltuntergangsstimmung. Diese Vorstellung, daß die Welt nun untergehen würde, weil da so ein ungeheurer Komet am Himmel stand, der - als ich ihn sah - ein Viertel des Himmels bedeckte, hat sogar meine Eltern erfaßt, die aufgeklärte Menschen waren." 26  Mit diesem Gefühl war Canetti dann nach Wien gekommen, um es durch die Ereignisse der Zwischenkriegszeit zu vertiefen und zum künstlerischen Ausdruck zu bringen. Im letzten Teil seiner Lebensgeschichte beschreibt Canetti die seelische Verfassung, die ihn nach der Vollendung des Romans "Die Blendung" im Winter 1931 zum Thema des Weltuntergangs bewegt hatte: "Der Untergang war nun in mir angelegt und ich kam nicht von ihm los. Durch die "Letzten Tage der Menschheit" hatte er sich seit sieben Jahren schon vorgeprägt. Aber jetzt hatte er eine sehr persönliche Form angenommen, die den Konstanten meines eigenen Lebens entsprang: dem Feuer, das ich am 15. Juli im Zusammenhang mit der Masse erkannt hatte und den Büchern, die mein täglicher Umgang waren... Die Bedrohung der Welt, in der man sich fand, empfand ich nie stärker als damals... Jedes Gespräch, von dem ich im Vorbeigehen Teile hörte, schien ein letztes." 27  In seinem Studentenzimmer in Hacking schrieb der 26-jährige Canetti "in besessener Eile" Szene um Szene, und jede führte in Untergang. "Es war wie ein Strafgericht, das alles einbezog, und am schwersten gestraft war der, der es sich über die anderen anmaßte" 28 , erinnerte sich Canetti.

      Mit dem Drama "Hochzeit" schuf er eine apokalyptische Vision einer sich selbst zerstörenden Gesellschaft, die er in Wien der Zwischenkriegszeit vorgefunden zu haben glaubte. Canetti stellte eine Hochzeitsfeier wie einen Totentanz dar. Der Brautvater ist ein Oberbaurat, der das Haus, um das alle werben, erbaut hat und sich nun einbildet, daß es für die Ewigkeit steht, wie die Ehe seiner Tochter. Die Gesellschaft ist betrunken, es geht wüst zu. So nahe sie sich sind, Verwandte und Freunde, es weiß doch eigentlich keiner etwas vom anderen. Ein Gast schlägt ein Spiel vor: Gesetzt, das Haus wäre von einem Erdbeben bedroht, was täte jeder der Anwesenden hier für seinen liebsten Menschen? Der Reihe nach nennt dann jeder einen Namen - es ist nicht immer der, den man erwartet, - und sagt, was er für sein Liebstes täte, wenn die Katastrophe käme und das Haus am Einstürzen wäre. Aber aus dem Spiel wird Ernst. Der Letzte hat noch nicht ausgesprochen, als das Haus zu schwanken beginnt, das Erdbeben, das zunächst als Gesellschaftsspiel inszeniert wurde, ist plötzlich Wirklichkeit. Nun erst erlebt man, was jeder in einem solchen Fall tatsächlich täte. Selbstsucht und Gier gewinnen die entgültige Herrschaft. Das Haus bricht schließlich zusammen und zieht alle mit in den Abgrund. 29 

      Jura Soyfer schrieb sein "Weltuntergang" im Alter von 24 Jahren, also vier Jahre nach Canetti. Die Idee geht auf einen Sketch zurück, den Soyfer noch Ende 1930 - also fast zur gleichen Zeit, als Canettis Drama entstand - zum Silvesterabendprogramm in einer VSM-Winterkolonie mitverfaßt hatte. 30  Das eigentliche Stück wurde im Frühjahr 1936 für das Programm "Zwischen Himmel und Erde" des Kabaretts ABC geschrieben und aufgeführt.

      Die Menschheit vor der Katastrophe - das ist, nach Horst Jarka, die Testsituation des Stückes. Soyfer stellt eine "kosmische Farce" dar, in der sich Anklänge an Kraus' "Letzten Tage der Menschheit" mit politischer Zeitproblematik verbinden. Er ironisiert die Trostlosigkeit, Wurschtigkeit und den feschen Leichtsinn der "goldenen Wienerstadt" der Zwischenkriegszeit. Die Gestirne unseres Planetensystem haben das Treiben der Menschen satt und beschließen den Untergang, den der Komet Konrad vollstrecken soll. Die Menschheit ist in völliger Verblendung und Dummheit befangen und taumelt ratlos der Katastrophe entgegen. Auf der Erde weiß lediglich Professor Guck um das Bevorstehende, und er kennt auch ein Gegenmittel. Als er von Land zu Land reist, um die Rettung der Welt zu verwirklichen, wird ihm aber überall die Tür gewiesen. Niemand will seine Erfindung haben, niemand versteht ihn. Der Weltuntergang erweist sich als ein zu gutes Geschäft und jeder glaubt, er selbst wird gerettet werden. Allein die Tatsache, daß der Komet Konrad sich beim Näherkommen in die Schönheit der Erde, die doch "Menschen hat", verliebt, sichert ihr überleben. 31 

      Beide Weltuntergangsstücke haben nicht nur ein gemeinsames Thema, sondern sie enden beide merkwürdig in Liebe. Für Elias Canetti sowie für Jura Soyfer bleibt die Liebe die einzige Möglichkeit des Überlebens. Canettis "Hochzeit" stellt eine Gesellschaft bloß, die ein Leben der völligen Kommunikationsunfähigkeit, der Abwesenheit jeglicher Liebe führt. "An die Stelle der Liebe ist die Besitzgier getreten, die selbst den Tod der anderen rechnerisch miteinbezieht in die Vermehrung des eigenen Gewinns. So wie die Menschen zur Liebe unfähig sind, verdrängen und unterdrücken sie auch den Schrecken des Todes. Sie drehen sich in einem sinnlosen Karussell von materiellen Wünschen." 32 , meint Manfred Durzak. Während das Haus, das für die Welt steht, zusammenstürzt, gelingt es aber der sterbenden Frau des Hausbesitzers zum ersten Mal, ihren dauernd sprechenden Mann zu unterbrechen und den Satz zu sagen, der, laut Canetti, "der einzige Satz wirklicher Liebe" 33  im Stück ist: "Und da hat er mich auf den Altar zogen und hat mich küßt und so lieb war er." 34  Dieser "einzige Satz der Liebe" ist allerdings nicht in die Zukunft gesprochen, sondern bleibt ein Satz der Erinnerung, der die Katastrophe nicht aufzuhalten vermag.

      Soyfers "Bühnenmoritat von der Unverbesserlichkeit der Menschen" 35  endet jedoch mit einer Liebeserklärung, dem "Lied von der Erde" mit den Schlußversen: "Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde / und ihre Zukunft ist herrlich und groß!" 36  Nach Horst Jarka ist das "Lied von der Erde" "kein Credo eines naiven Optimismus, sondern ein utopischer Appell, Soyfers Antwort auf seine eigene, wohl begründete Skepsis". 37  Und Zusammenfassend meint Jarka dann: "Im plötzlichen Umschlag von totaler Skepsis zur Gläubigkeit manifestiert sich die für die humanistisch orientierte politische Dichtung der dreißiger Jahre charakteristische Spannung zwischen nüchternem Realismus, ja Zynismus und einer der Verzweiflung abgerungenen Hoffnung." 38 

      Sieben Jahre nach der Entstehung von Canettis Weltuntergangsvision und drei Jahre nach der Uraufführung von Soyfers "Weltuntergang" vollzog sich die wirkliche Katastrophe: zwar "hell umflammt" war diese Erde, jedoch nicht von Schönheit, und mehr als ein Haus ist eingestürzt - der Zweite Weltkrieg war da, Erich Fried schrieb dazu: "Daß wir alle, wenn auch in verschiedenem Maß, durch Haß, gier oder Blindheit, zu seiner Entstehung unser Scherflein beigetragen haben, wird heute schwerlich bestritten werden." 39  In dieser Mahnung kommt das eigentliche geistige Vermächtnis beider Werke zum Ausdruck.

      Gemeinsam ist für Soyfer und Canetti in diesem Fall nicht nur das Thema, sondern auch eine charakteristische Wiener Figur der Zwischenkriegszeit - die der komischen alten Dame mit Papagei.

      In Canettis "Hochzeit" ist das die uralte Besitzerin des Hauses, nach dem alle gierig trachten. Ihr Papagei, der am Ende als einziger überlebt, hat nicht viel zu sagen, aber was er sagt, ist wichtig, er krächzt immerzu: "Haus. Haus. Haus." Das ist auch der letzte Laut, den man nach dem Zusammensturz im Finsternis vernimmt, und es hört sich an wie "Chaos. Chaos. Chaos.", kann aber für "Welt. Welt. Welt." stehen.

      In Soyfers "Weltuntergang" führt die alte Jungfer mit ihrem Papagei ein Quasi-Selbstgespräch, wobei die Phrasen, an die sie sich klammert, durch die entstellte Wiederholung des Papageis sich selbst ad absurdum führen oder doch ihre wahre Bedeutung bekommen: "Und der hat mir persönlich einen Anleiheschein gezeigt, auf dem der Zinssatz 5% betrug,", sagt die Jungfer. "Betrug! Betrug!", klärt sie der Papagei auf, "In der großen Rede gestern hat's gehießen: 'Ich bin und bleibe Optimist -'", sagt die Jungfer. "Mist!", deutet es der Papagei. 40 

      Beide Papageien haben die Funktion, das auszusprechen, was die Menschen verschweigen oder nicht einsehen können oder wollen. Gerhard Scheit meint dazu: "In beiden Fällen wirft der Papagei - als der letzte Gesprächspartner vereinsamter Menschen - seiner Natur gemäß nur Gesprächsfetzen den Sprechenden zurück; und in beiden Fällen beleuchtet dies schlaglichtartig den verdeckten Sinn, der in Wort und Handlung der Personen liegt." 41 

      Es ist merkwürdig, daß beide Vögel, in Canettis sowie in Soyfers Stück, den gleichen Namen "Lora" tragen. Ob dies ein verbreiteter Papageienname in Wien der 30er Jahre war? Könnte man annehmen, der Papagei Lora sei von Canettis Erstdrama in Soyfers Erststück herübergeflogen? Ob Jura Soyfer Canettis geistige Präsenz in Wien der Zwischenkriegszeit überhaupt wahrgenommen hat? Canettis "Hochzeit" kam erst nach Soyfers Tod, und zwar 1965 in Braunschweig zur Uraufführung, das Drama erschien schon 1932 in Berlin im S. Fischer-Verlag als Bühnenmanuskript. Ob Soyfer während seiner Tippeltour durch Deutschland gerade 1932 das Büchlein mit Canettis Stück kennengelernt hatte? Oder schwebte der Papagei Lora in der Wiener Luft wie einst die Heilige Taube über dem biblischen Fluß? War Wien der Zwischenkriegszeit mit der vorherrschenden Weltuntergangsstimmung schon "über den Jordan"? Jedenfalls bestätigte mir Mitja Rapoport, daß Soyfer nichts von Canetti und seine "Hochzeit" gewußt hätte, ungeachtet daß beide Kraus' Vorlesungen zur gleichen Zeit besuchten und beide im Wiener "Sonntag" publizierten. 42  Elias Canetti bestätigte mir in einem Gesprach, daß er auch nichts von Soyfer zu jener Zeit gewußt habe. 43 

      Canetti und Soyfer, beide Wiener Dichter, mußten 1938 von der Stadt ihrer künstlerischen Bewährung fliehen - Canetti ins Londoner Exil, wo er nach und nach zu Weltruhm gelangte, Soyfer in den Typhustod des KZ's Buchenwald. Beide wußten NICHTS voneinander, trotzdem haben beide die geistige Größe und Ausstrahlung Wiens der Zwischenkriegszeit mitbestimmt.



       
Anmerkungen:


     1 Herbert Zand: "Stimmen unsere Maßstäbe noch? Versuch über Elias Canetti", in: "Literatur und Kritik", Wien 1968, H. 21, S. 33
     2 Elias Canetti: "Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend", München 1977, S. 62
     3 Ebd., S. 102
     4 Siehe Joachim Schondorff: "Elias Canetti: Die gerettete Zunge", in: "Literatur und Kritik", Wien 1977, H. 119, S. 570
     5 Vgl. dazu Horst Jarka: "Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit", Wien 1987, S. 77
     6 Ebd., S. 20ff
     7 Erich Fried: "Das Werk Elias Canettis", in: Elias Canetti: "Welt im Kopf", Graz 1962, S. 8
     8 Manfred Durzak: "Versuch über Elias Canetti", in: "Akzente", München 1970, H. 2, S. 170
     9 Elias Canetti: "Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931", München 1980, S. 305
   10 Siehe Elias Canetti: "Karl Kraus, Schule des Widerstands", in: "Das Gewissen der Worte. Essays", München 1975, S. 44
   11 Siehe Manfred Durzak: op. cit., S. 182
   12 Elias Canetti: "Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937", München 1985, S. 309
   13 "Gespräch mit Horst Bienek", in: Elias Canetti: "Die gespaltene Zukunft", München 1972, S. 102
   14 Horst Jarka: op. cit., S. 163
   15 Ebd., S. 164-165
   16 Elias Canetti: "Die gerettete Zunge", a.a.O., S. 11-12 17. Gespräch mit dem Verf. vom 27.3.1992 in Berlin 18. Siehe Horst Jarka: op. cit., S. 30
   17 Gespräch mit dem Verf. vom 27.3.1992 in Berlin
   18 Siehe Horst Jarka: op. cit., S. 30
   19 "Gespräch mit Joachim Schickel", in: Elias Canetti: "Die gespaltene Zukunft", a.a.O., S. 110
   20 Gespräch mit dem Verf. vom 27.3.1992 in Berlin
   21 Samuel M. Rapoport: "Erinnerungen an Jura Soyfer", in: "Zwischenwelt. Die Welt des Jura Soyfer", Jura-Soyfer-Gesellschaft (Hg.), Wien 1991, S. 29
   22 Elias Canetti: "Das erste Buch: Die Blendung", in: "Canetti lesen. Erfahrungen mit seinen Büchern", hrsg. v. Herbert G. Göpfert, München 1975, S. 126-127
   23 Ebd., S. 128
   24 Rupprecht Slavko Baur: "Gespräch mit Elias Canetti", in: "Literatur und Kritik", Wien 1972, H. 65, S. 276
   25 Zitiert nach Horst Jarka: "Einleitung", in: Jura Soyfer: "Das Gesamtwerk. Lyrik", hrsg. v. Horst Jarka, Wien 1984, S. 10
   26 Rupprecht Slavko Baur: op. cit., S. 273 27. Elias Canetti: "Das Augenspiel", a.a.O., S. 9-10
   27 Elias Canetti: "Das Augenspiel", a.a.O., S. 9-10
   28 Ebd., S. 11
   29 Siehe Elias Canetti: "Hochzeit", in: Elias Canetti: "Dramen", München 1981, S. 7-73
   30 Siehe Horst Jarka: "Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit", a.a.O., S. 272
   31 Siehe Jura Soyfer: "Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang", in: Jura Soyfer: "Das Gesamtwerk. Szenen und Stücke", hrsg. v. Horst Jahrka, a.a.O., S. 51-81
   32 Manfred Durzak: "Elias Canettis Weg ins Exil. Vom Dialektstück zur philosophischen Parabel", in: "Literatur und Kritik", Wien 1976, H. 108, S. 463
   33 Siehe Rudolf Hartung: "Elias Canetti", in: "Selbstanzeige. Schriftsteller im Gespräch", hrsg. v. W. Koch, Frankfurt a.M. 1971, S. 36
   34 Elias Canetti: "Hochzeit", a.a.O., S. 73
   35 Horst Jarka: "Einleitung", in: Jura Soyfer: "Das Gesamtwerk. Szenen und Stücke", a.a.O., S. 11
   36 Jura Soyfer: "Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang", a.a.O., S. 81
   37 Horst Jahrka: s. Anm. 35, Ebd., S. 11
   38 Horst Jarka: "Politik und Zauberei: Die Stücke Jura Soyfers (1912-1939). Zur oppositionellen ''Kleinkunst im Wien der dreißiger Jahre''", in: "Modern Austrian Literature", Riverside 1972, No 1/2, p. 111
   39 Erich Fried: op. cit., S. 12
   40 Jura Soyfer: "Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang", a.a.O., S. 64
   41 Gerhard Scheit: "Theater und revolutionärer Humanismus. Eine Studie zu Jura Soyfer", Wien 1988, S. 68 42. Gespräch mit dem Verf. vom 15.1.1992 in Berlin 43. Gespräch mit dem Verf. vom 18.2.1992 in Zürich
   42 Gespräch mit dem Verf. vom 15.1.1992 in Berlin
   43 Gespräch mit dem Verf. vom 18.2.1992 in Zürich




Wenzeslav Konstantinov, Jura Soyfer und Elias Canetti
Zwei Dichterschicksale im Wien der Zwischenkriegszeit

- In: Jura Soyfer. Zeitschrift der Jura Soyfer Gesellschaft, Wien, 1. Jg., Nr. 2, 1992. S. 9-13.



© Wenzeslav Konstantinov, 1992

| top | notes | home | e-mail |

Created: 31.03.2009
 WEB Design © DarlSoft Workshop