KUNSTDENKM–LER DER ANTIKE FÜR DIE ZUKUNFT

Venzeslav Konstantinov


      Die zahlreichen alten Kirchen und Festungsmauern, die eigenwilligen in bezug auf Form und Bauweise Häuser in Nessebar verleihen der kleinen Stadt auf der Halbinsel die faszinierende Ausstrahlung des Altertümlichen, gleichzeitig aber auch des Unvergänglichen. Und es gilt, all dies vom Zahn der Zeit zu schützen, es der Magie des Vergänglichen zu entreißen und für die kommenden Generationen aufzubewahren. Das Nationale Institut für Kulturdenkmäler hat in Nessebar alle Forschungsarbeiten, die Dokumentation, Konservierungsmaßnahmen und die komplexe architektonische Gestaltung der Gebäudeensembles übernommen. In der Zweigstelle des Instituts in Nessebar führte ich ein Gespräch mit Architekt Dimitar Sasselov, der sämtliche Projekte in bezug auf antike und mittelalterliche Denkmäler leitet, und in Sofia mit Architekt Emilia Botscheva, Abteilungsleiter der Restaurierungsarbeiten im Bezirk Burgas. Meine beiden Gesprächspartner waren so freundlich, unseren Lesern einige von den "Geheimnissen" ihrer Tätigkeit zu verraten.

      - Architekt Botscheva, welche Aufgaben hat das Nationale Institut für Kulturdenkmäler in Nessebar zu erfüllen?

      - In der Stadt werden die Restaurierungsarbeiten hauptsächlich in drei Richtungen vorangetrieben, die aus den drei Haupttypen der Objekte resultieren. Das sind die Festungsmauer, die mittelalterlichen Kirchen und die Häuser aus der Wiedergeburtszeit.

      - Haben Sie Probleme in bezug auf die Restaurierung der Festungsmauer? Man weiß, daß sie die Stadt von allen Seiten umgab. In letzter Zeit konnte festgestellt werden, daß ihr Ostabschnitt, zusammen mit einem Teil des Küstengeländes, ins Meer versunken ist und daß ihre Reste von Tauchern untersucht werden.

      - Die Festungsmauer hatte die Stadt vor Angriffen, die vom Land aus geführt wurden, zu schützen. Und gerade an dieser Stelle, am Eingang zur Stadt sehen wir den sechseckigen, flankierenden Turm, der jedem Nessebar-Besucher bekannt ist. Der frontale Abschnitt mit dem Festungstor hatte an seinen beiden Flanken Verlängerungen, die weit über die Landzunge hinaus ins Meer ragten. Heute werden ihre Reste erforscht und kartographiert. Im nördlichen Teil der Festung wurden die Reste einer alten griechischen Mauer gefunden. Sie besteht aus großen, fast fugenlos gemauerten Steinquadern, die uns ebenfalls einige Probleme stellen und eine feinfühlige Restaurierungsarbeit im Hinblick auf die Exponierung der Mauer verlangen.

      - Architekt Sasselov, es ist bekannt, daß die wissenschaftlich fundierte Restaurierungsarbeit nach umfassenden Forschungsarbeiten am Objekt erfolgt und seine maximal mögliche Wiederherstellung, ohne willkürlichen Veränderungen und Ergänzungen anstrebt. Wie werden diese Prinzipien bei Ihrer Arbeit an der Festungsmauer von Nessebar eingehalten?

      - Die Aufgabe unserer Restaurierungsarbeiten ist die Festigung und Exponierung der Mauer. Das heißt, wir wollen die einzelnen Bauetappen sichtbar machen, auf diese Weise die Reihenfolge der historischen Epochen deutlich machen und die Ruine in ein Ausstellungsstück verwandeln. Ein großer Teil der Mauer ist in die Erde "versunken". Sie wird von jüngeren Erdschichten bedeckt. Unsere Projekte sehen die Freilegung der Festungsfundamente vor, und nicht irgendwelche Ergänzungsbauten. Auf diese Weise werden ihre ältesten Teile aufgedeckt und exponiert und die einzelnen Bauetappen verfolgt. Es handelt sich dabei um eine ziemlich mühsame und langwierige Arbeit.

      - Und wie sieht es mit den mittelalterlichen Kirchen aus? In Überlieferungen wird behauptet, daß auf der Halbinsel achtzig kultische Bauten vorhanden gewesen wären.

      - Diese Zahl ist etwas übertrieben - Überlieferungen haben eine Neigung dazu, trotzdem aber sind die mittelalterlichen Kirchen von großem Interesse sowohl für die Geschichtswissenschaft als auch für die Archäologie. Eine günstige Schicksalsfügung, vor allem aber das belastungsfähige Konstruktionsschema der Bauten haben uns diese Kirchen erhalten...

      - Welche von den Kirchen wurde gründlich restauriert und auf welche Probleme stießen sie dabei?

      - 1974 wurden die Restaurierungsarbeiten an der "Neuen Mitropolitenkirche" abgeschlossen. Sie hatten fast 10 Jahre gedauert. Zu unseren Hauptaufgaben gehörten die maximale Stabilisierung und Konservierung von allen Originalteilen, Fragmenten und Details sowohl der architektonischen Konstruktion als auch der Wandmalereien. Wir waren dabei bestrebt, nur dort zu ergänzen, wo es unerläßlich war, um den direkten Kontakt mit dem antiken Ausstellungsstück zu sichern.

      - Und worin besteht eigentlich der architektonische Wert dieser interessanten Kirche?

      - Nun, man müßte in diesem Zusammenhang mehrere Merkmale aufzählen, dank derer die Kirche "Sveti Stefan" aus dem 12. Jahrhundert - auch "Neue Mitropolitenkirche" genannt, zu den bedeutendsten architektonischen und Kunstdenkmäler nicht nur in Nessebar, sondern im ganzen Land gehört. In bezug auf ihre Architektur markiert sie eine wichtige Übergangsetappe. Was ihren Bauplan und das Holzdach betrifft, erinnert sie stark an die im 9. und 10. Jahrhundert weit verbreiteten Basiliken des Preslav-Typs. Andererseits deuten die ungewohnten emporstrebenden Proportionen der Innenraumgestaltung und die Anwendung verschiedener Ausschmückungsmittel an der Fassade auf Tendenzen hin, die erste Ende des 10. Jahrhunderts auftreten. Hier finden wir bereits die frühesten Beispiele der für die mittelalterliche bulgarische Architektur derart charakteristische keramisch-plastische Ausschmückung mit Glasurnäpfchen und Vierblattmotiven.

      - Architekt Sasselov, sie haben wissenschaftliche Arbeiten über die Ausschmückung der Fassaden von mittelalterlichen bulgarischen Kirchen veröffentlicht. Könnten Sie uns einiges in bezug auf ihre Funktion und ihren künstlerischen Wert mitteilen?

      - Die mittelalterlichen Kirchen in Nessebar strahlen auch heute noch menschliche Wärme und Lebensfreude aus; einen großen Beitrag in dieser Hinsicht leisten die in der Fassade inkrustierten Keramikelemente, die einen unvergleichbaren Farbeneffekt erzielen. Auf unergründlichen Wegen blieben uns diese architektonischen Denkmäler erhalten, während unter denselben historischen Bedingungen ähnliche Denkmäler in Veliko Tarnovo, Lovetsch, Tscherven, Preslav und andern mittelalterlichen Städten und Festungen völlig zerstört wurden.

      - Architekt Botscheva, welche Aufgaben hat das Institut in Zusammenhang mit der Restaurierung der mittelalterlichen Kirchen in Nessebar?

      - Im Sommer 1978 wird eine Arbeitsgruppe aus Burgas die Restaurierung der erhalten gebliebenen Wandmalereien in den Kirchen "Joan Krastitel" und "Sveti Spass" fortführen. Die Ausgrabungsarbeiten vor der Kirche "Sveti Pantokrator" und die Erforschung der sechs Meter starken Kulturschicht dauern ebenfalls an. Nach 1985 werden Ausgrabungsarbeiten im Areal der "Alten Bischofskirche" beginnen, wo man interessante antike Mosaiken gefunden hat Vorläufig werden nur einige Umweltkorrekturen vorgenommen.

      - Wir haben noch eine letzte Frage an Sie, Architekt Botscheva. Was wird für die Aufbewahrung der Häuser aus der Wiedergeburtszeit getan?

      - Wir haben fast alle diesbezüglichen Probleme gelöst. Der Größere Teil der Restaurierungsarbeiten ist abgeschlossen. Wir haben Häuser vom Ende des 18. Jahrhunderts. Die Mehrzahl der Bauten aber stammt aus der letzten Periode der Wiedergeburtszeit. Fast 90 Häuser wurden restauriert. Drei von ihnen - die Häuser von Panajot Muskojanin, Shelju Bogdanov und Kapitän Pavel - wurden zu Objekten von nationaler Bedeutung erklärt. Ein anderer, bedeutender Teil sind architektonische Denkmäler von lokaler Bedeutung, den Rest bezeichnen wir als "Denkmalensembles". Entsprechend dieser drei Kategorien wurden auch die Restaurierungsarbeiten vorgenommen. Nur bei der dritten Kategorie werden Veränderungen der Innenausstattung zugelassen. Die oberen Stockwerke der neueren Häuser werden mit Holz verkleidet und auf diese Weise in das Ensemble der alten Häuser harmonisch aufgenommen. Bei der Fassadengestaltung der ganz neuen Bauten wird eine Kombination aus Mörtel und Holz verwendet, ohne daß man dabei eine Nachahmung der alten Häuser anstrebt. Im Ergebnis dessen gelingt uns ein straffes Gebäudeensemble und eine harmonische Silhouette dieser Stadt, die seit vielen Jahrhunderten auf diesem kleinen Stück Erde existiert.





Venzeslav Konstantinov, Kunstdenkmäler der Antike für die Zukunft
- In: "Kurorte in Bulgarien", Sofia, H. 3, 1978.



© Venzeslav Konstantinov, 1978

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