ARBANASSI

Venzeslav Konstantinov


      Wenige Kilometer von der alten Hauptstadt Tarnovo entfernt, liegt auf einem felsigen Hochplateau, dessen Abhänge steil in das Tal hinabfallcn, das Dorf Arbanassi. Tief unten windet sich der Jantrafluß, und am Fuße der Felsenwände erhebt sich wie eine mittelalterliche Festung das Petropavlovski-Kloster. Von weitem betrachtet, sieht Arbanassi eher als eine altertümliche Stadt aus, die aus einzelnen kleinen, nur mit Gewalt zu bezwingenden Festungen besteht. Die Häuser sind geräumig, ihre Wände aus Stein, mit hohen weißen Bögen über den kleinen Fenstern, die wie Schießscharten aussehen: Schwere, eisenbeschlagene Tore aus Eichenholz durchbrechen die hohen Steinmauern. Hinter ihnen liegen grüne Gärten voller Kühle und romantischer Stille. Hier wehen erfrischende Winde, die Augen laben sich an der bunten Vielfalt der Blumen, die in den letzten Strahlen der sich hinter den Hügeln von Tarnovo verbergenden Sonne aufleuchten. Hellblau strahlt der Himmel über dem Dorf. In den Häusern mit ihren weit hervorspringenden Dachtraufen atmet man leicht. Die Sinne ruhen sich inmitten dieser Symphonie der Farben aus, die ihre Pastelltöne von dem goldfarbenen Widerschein der Steinmauern erhalten. In diesem Dorf wurde alles geschaffen, um dem Leib und der Seele einen festen Halt und wohltuende Entspannung zu geben. Das Leben zu schützen und gleichzeitig eine intime Welt für die Familie zu schaffen, die sich gründlich vom mörderischen Chaos außerhalb der Steinmauern unterscheidet, dies war offensichtlich die in den berühmten Arbanassi-Häusern realisierte Idee...

      Diese Häuser wurden von heimatlosen albanischen Umsiedlern zu Beginn der türkischen Invasion auf der Balkanhalbinsel gebaut. Die überall herrschende Unsicherheit, der Terror, die Qualen der Bevölkerung bedingten die Bauweise. Das Dorf konnte nur deshalb überleben, weil es seine starken Wurzeln tief in die felsigen Abgründe der Zeit trieb, weil es sich in seinem Wunsch weiter zu bestehen, nur an das Diesseits klammerte und dank dessen dem Verfall entrinnen konnte. Ständig von Pestilenz und mordenden Räubern bedroht, sah es dem schleichenden Tod offen in die Augen, lebte in Wohlstand und Frohsinn. Seine Einwohner erholten sich rasch von den schweren Schicksalsschlägen, stützten sich auf die für Vertriebene typische Sanftmütigkeit, Weisheit und Lebenserfahrung, empfingen jeden neuen Tag wie ein Geschenk Gottes und betrachteten es als Sünde, dieses Geschenk nutzlos zu vergeuden. Als begabte und erfahrene Kaufmänner wurden sie gleich schnell reich und arm. Die kräftig gebauten Männer mit riesigen Schnurrbärten, langen Haaren und hohen Fezen auf den Häuptern, mit langen, bis zur Erde reichenden Pelzmänteln, die mit Fuchsfellen, Seidenbändern und Goldstickereien verziert waren, schmückten sich wie Frauen mit Diamanten, Rubinen, Perlen. Wenn ihre Frauen sonntags in die Kirche gingen, wurden sie von Dienstmädchen mit Spiegeln in den Händen begleitet, so daß sie noch vor dem Kirchentor ihren, aus den Schatullen hervorgeholten Schmuck ordnen konnten. Und im Dunkel der Kirche leuchteten die schweren Halsbänder aus Goldmünzen auf, ruhten auf den stützenden Busen, wurden um den Hüften gekreuzt und schmiegten sich an die warmen Schenkel.

      Angesichts dieses Reichtums und dieser Pracht, kann der Chronist des Dorfes und Priester der Klosterkirche "Sveti Nikola" nicht mehr in Bescheidenheit schweigen. In seinem Tagebuch steht geschrieben:

      "Ich kann nicht schweigen! Ich muß reden, das Wunder von Arbanassi beschreiben, dieses großen Dorfes inmitten Bulgariens.

      Vom Wasser des alten Brunnens wird das Herz jünger. Alle, die von ihm getrunken haben, sind voller Lob, und alle die es trinken, können nicht satt werden. Bald ermüden die Augen von so viel schönen Dingen, über die man nachdenken und sprechen muß..."

      Der Ruhm des reichen Dorfes verbreitete sich im ganzen Zagore-Gebiet und erweckte in den Herzen Neid und Habsucht. Oft wurde die Nachtstille vom Gebrüll und den Flintenschüssen der Räuberhorden gestört. Die Räuber schlugen auf ihre großen Pauken, um die Einwohner zu erschrecken und sie zu zwingen, ihre Häuser zu verlassen. Aber diese verteidigten sich verbissen - und auch heute noch kann man die Spuren der Bleikugeln in den schweren Eichcnpforten und diese von den türkischen Krummsäbeln sehen. Und so schwankte das Dorf zwischen vergänglichen Freuden und ständigen Leiden, bis es Ende des 18. Jahrhunderts von raubenden Kardshali-Horden, die von Hunger und Pest verfolgt, zu reißenden Bestien geworden waren, fast dem Erdboden gleichgemacht wurde. Dies war das Ende von Arbanassi und seiner den irdischen Freuden zugewandten Einwohner. Von diesem Schlag konnte sich das Dorf nicht mehr erholen.

      Die bis heute erhalten gebliebenen alten Häuser überraschen mit ihrer wundersamen Architektur, mit ihren Schnitzereien, mit den Verzierungen aus Schmiedeeisen. Süße Schauer ergreifen unsere Seele bei den Gedanken an das reiche und fröhliche Leben, das einst auf dieser Anhöhe herrschte. Unter dem himmelblauen Gewölbe der Kirchhöfe grünen noch immer die moosbedeckten Grabsteinplatten und blicken aus dem wuchernden Gras. In den Zweigen der alten Obstbäume kuscheln sich nachts noch immer weiße Hähne, die Winde rascheln im Laub, schwere Quitten lugen mit ihrem leuchtenden Gelb hinter den Blättern her vor... Verirrte Fledermäuse umflattern kunstvoll geschnitzte Altarwände, an den Wänden wachen im Dunkel einsame Heilige mit großen Menschenaugen und dürsten nach zarten Liebkosungen...





Venzeslav Konstantinov, Arbanassi
- In: "Kurorte in Bulgarien", Sofia, H. 5, 1976.



© Venzeslav Konstantinov, 1976

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