MELNIK

Venzeslav Konstantinov


      Sie liegt zwischen den südwestlichen Abhängen des Piringebirges, an den Ufern des leise dahinplätschernden Melnik-Flusses, zusammen mit ihm ganze hundert Meter tiefer als die sie umrahmenden hügeligen Felder, auf welchen milder Tabak, Feigen und süßer Wein gedeihen. Sie, die Stadt Melnik, ist eingehüllt von Stille, die vom leisen Geräusch des ewig, wie in einer Sanduhr herabrieselnden Sandes noch deutlicher zu vernehmen ist. Sie hat sich ganz in der Zeit aufgelöst, und die Zeit hat sich zwischen ihren Ruinen bequem eingenistet... In Melnik ist alles durch seine Abwesenheit spürbarer geworden.

      In diesem kleinen Stück Erde, seit Jahrtausenden von Wind und Wetter zersaust, von der Erosion geformt und doch unverändert geblieben, existieren in friedlichem Miteinander Kulturschichten der fast ganzen Menschheitsgeschichte. Ende des vergangenen Jahrtausends schlugen hier römische Legionen ihr Lager auf, drangen in das Tal der Thraker ein und hinterließen überall ihre Spuren. Im Brüsseler Museum ist auch heute noch ein Standbild des Dionysos zu sehen, das in den gelben Sandschichten bei Melnik ausgegraben wurde. Nach einen weiheren Jahrtausend - im 9. Jahrhundert, schloß der bulgarische Herrscher Pressian dieses Gebiet dem Ersten bulgarischen Königreich an. Nach zweihundert Jahren wurde es wieder Besitz der Byzantiner, und nach weiteren zweihundert Jahren erklärte der Despot Alexij Slav Melnik zur Hauptstadt seines Fürstentums. Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Stadt von den Türken erobert. Erst nach dem Balkankrieg von 1912 gehörte sie wieder zu Bulgarien. Jeder Herrscher über diese Stadt, jeder Bewohner dieses eigenartigen Tales hinterließ seine Spuren, die über Enttäuschungen und Hoffnungen berichten, denn dieses Tal war stets märchenhaft, und das Leben in ihm hatte stets den bittersüßen Beigeschmack des Ewigen, dem Jenseits zugekehrten.

      Der Legende nach wurden in dieses von Tod und Schönheit geadelten Gebiet die in Tarnovo unbequem gewordenen Bojaren verbannt. Jeder von ihnen baute in der Stadt eine Kirche, zum Heil seiner Seele und zur Errettung seines Geschlechts. Jeder von den Verbannten war in sich gekehrt, lauschte dem Raunen des herabrieselnden Sandes. Es heißt noch, daß der Name der Stadt vom griechischen "mela nikos" - schwarzes Haus, abgeleitet sei. In diesem Haus, dessen Ruinen auch heute noch zu sehen sind und zu den Resten der ältesten Wohnhäuser auf der Balkanhalbinsel gehören, habe eine junge Prinzessin gewohnt. Nach ihrem Tod soll es dann ihr zu Ehren niedergebrannt worden sein.

      Melnik war schon immer eine Stadt der seelischen Vereinsamung, ein Reich der Visionen, der Freude an leisen Gesprächen mit langen Pausen voller Ergriffenheit unter dem Laubdach der Weinranken im Klosterhof, Pausen mit süßem schweren Rotwein und lieblichem Tabakduft.

      Eine Stadt kränkelnder Schönheit, des Schweigens und des Weines... Von diesem blutdicken Wein heißt es, daß man ihn "in einem Tuch tragen könne". Im Laufe von Jahrhunderten wurde dieser Wein in großen Lederschläuchen auf den Rücken von Mauleseln und Kamelen zu den Märkten des Mittelmeeres gebracht, in Budapest, Wien, Genua, Venedig und sogar in Spanien verkauft. In den tiefen, kühlen Kellern, die in die Sandsteinabhänge hineingetrieben und mit den Wohnhäusern direkt verbunden waren, lagerte und reifte der edle Melnik-Saft. Allein unter dem berühmten Kordopulova-Haus waren Fässer mit 250 tausend Liter dieses aromatischen Weines aufgestellt.

      Heute aber sind von den ehemaligen 25,000 Einwohnern der Stadt nur ungefähr 500 Nachkommen übriggeblieben. Von den 72 Kirchen existieren nur noch ein Dutzend. Und wenn die schweigsamen Greise, die sich noch an die Zeiten vor über einem halben Jahrhundert erinnern, zu sprechen beginnen, so erzählen sie vor allem über die reichen Kaufmänner, die, bevor sie nach Süden zogen, ihre Fässer angestochen hätten, so daß im Bett des trägen Flusses die Gewässer gestiegen und eine blutrote Färbung erhalten hätten.

      Über diese eigenartige und malerische Stadt heißt es in einem bereits veralteten Nachschlagewerk: "Heute ist Melnik eine Stadt aus alten, baufälligen Häusern, verlassenen Höfen voller wild wachsender Feigen und Sträuchern".

      In unserer Gegenwart wird in Melnik manches unternommen, um die wertvollen Kulturdenkmäler der Zerstörung zu entreißen und zu restaurieren. Heute pulsiert in seinen Straßen wieder reges Leben. Sie werden von Malern bevölkert, die neue Motive und Themen suchen, von Touristen, die von hier aus die Gipfel des Pirin-Gebirges stürmen oder die Freseken- und Ikonensammlungen der Kirchen bewundern. Auf diese Weise wird die Stadt, die einst die Rolle eines Kulturzentrums spielte, wieder aufleben und für die Entwicklung der Kunst und Kultur beitragen. Trotzdem aber wird sie außerhalb der Zeit und des Raumes bleiben, weil ihre sichtbaren Schätze und ihre malerische Gestalt nur eine geringe Resonanz dessen darstellen, was in diesem kleinen Stück bulgarischer Erde verborgen liegt.





Venzeslav Konstantinov, Melnik
- In: "Kurorte in Bulgarien", Sofia, H. 4, 1976.



© Venzeslav Konstantinov, 1976

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