DER GIPFEL TURLATA

Venzeslav Konstantinov


      Wie eine Frauenbrust wölbt sich die sanfte Rundung dieses Gipfels der Rhodopen und bezaubert uns mit der unerwarteten Vollkommenheit seiner Form, die sich mit ihrem dunklen Grün klar auf dem hellen Himmel abzeichnet. Von Süden her betrachtet, scheint dieser einstige Vulkan vor sich hin zuschlummern. Aber von Norden gesehen, von den Fenstern der holzverkleideten Steinhäuser des Dorfes Solischta, lebt der Gipfel Turlata auf, scheint seine bizarren Felsengebilde und uralten, dunkelgrünen Tannen zu bewegen.

      Der Name dieses eigenartigen Gipfels, der das Echo des Sulijska Tals speichert, stammt nach Auffassung einiger Forscher von den großen, kraftstrotzenden Stieren mit langen Hörnern, diesen rothaarigen "tauros", die vor vielen Jahrhunderten im Gebiet über der sanft plätschernden Suljiska hausten. An dere leiten den Namen "Turla" von "la tour" ab, eine Bezeichnung, die an die Festung erinnert, deren Grundmauern noch immer als lang verschollenes Echo des IV. Kreuzzuges und des von seinen Anführern gegründeten Lateinischen Reichs mit Konstantinopol als Zentrum vorhanden sind. Denn dieser Gipfel steht irgendwie allein da, aber keineswegs verlassen, eher als Vorposten der gewaltigen Bergkette Karlak, die bis in den Frühsommer hinein vom schneeweißen Haut des Perelik gekrönt wird. Die natürliche Funktion des Gipfels als vorgeschobenes Bollwerk wurde von Thrakern, Byzantinern und Bulgaren richtig eingesschätzt. Der Legende nach, stammen die heutigen Ruinen auf dem Gipfel von der Festung des Despoten Alexij Slav, Neffe des Königs Kalojan, und sie hatte die Straße nach der Weißmeerküste zu schützen. Die sagenhaften Überlieferungen, dieser unerschöpfliche Nährboden der örtlichen Mythologie, berichten, daß die Horden der Osmanen nach der Eroberung der Thrakischen Ebene und der Weißmeergebiete in die Täler der Flüsse Watscha und Tschaja eindrangen. Die Scharen eines gewissen Dschadit Ali Pascha sollen die Verteidiger der Festungen Sareniza und Sagrad überwältigt, dann das ganze Rupsko Becken erobert, den Karabalkan überquert und den Gipfel Turlata erreicht haben. Die Belagerung der Festung, deren Verteidiger über ausreichend Nahrung und - was besonders wichtig war - über einen eigenen Brunnen verfügten, dauerte lange. Alle Angriffe wurden zurückgeschlagen. Eines Tages aber heckte irgendein Hodscha einen teuflischen Plan aus. Er ließ einen Esel mit Salz füttern und zum Festungsgelände treiben. Das vom Durst gequälte Tier witterte das Wasser, legte mit seinen Hufen die Tonrohre der Wasserleitung frei und zerschmetterte sie. Die zu Durst verurteilten Verteidiger konnten sich nicht mehr lange halten. Die Festung wurde niedergerissen und alle Verteidiger bestialisch niedergemetzelt.

      In jenen fernen mythischen Zeiten entstand auch eine andere schauderhaft-prickelnde Legende über einen sagenhaften Goldschatz, der auf dem Gipfel Turlata verscharrt sei. Mit heiserer Stimme erzählen greise Schatzsucher folgendes:

      "Als die Festung belagert wurde, trösteten zwei wunderschöne, mit gediegenem Gold behangene sittenlockere Mädchen die Verteidiger nach den schweren Kämpfen. Bevor diese sich ergaben, ergötzten sie sich zum letzten Mal an den beiden Mädchen und scharrten dann deren Schmuck und ihre eigenen Schätze ein."

      Dieses Gold wurde bis zum heutigen Tag von keinem gefunden, weil sich solche Schätze "bewegen und versinken", wenn man sich ihnen nähert. Außerdem sind, um solche Schätze zu heben, mehrere, wohl unerfüllbare Bedingungen einzuhaiten: zwei weiße, bei Vollmond gezeugte Zwillingsochsen sind wiederum bei Vonmond vor einem goldenen Pflug zu spannen; eine schöne Jungfrau, deren Blut zum ersten Mal bei Vollmond kam, muß die Ochsen führen und den Gipfel umpflügen. Punkt Mitternacht wird der Pflug von Alleine stehen bleiben, denn "Gold geht zu Gold". Dann muß man an derselben Stelle ein Feuer anbrennen, wonach dieses zu verlassen ist. Am Morgen wird die Asche überprüft, um festzustellen, welches Tier Spuren hinterlassen hat, das dann geopfert werden muß; sind es aber Spüren eines Menschen, muß die Jungfrau geopfert werden, so daß ihr letzter Bluttropfen auf das Gold fließt - wieder um Mittemacht -, das sich dann ausgraben läßt.

      So ragt nun auch heute der Gipfel Turlata, sagenumwoben, sehr oft in Nebel und drohenden Wolcken gehüllt. Hoch über ihn kreist wie immer der schwarze Adler, den man hier "karaguj" nennt und der plötzlich in die Tiefe schießt, um ein Huhn oder ein Lamm zu schlagen. Alte Leute aber erzählen, daß einst ein Karaguj ein Kindlein aus der bunten Wiege stahl, weil seine Mutter, eine "fleißige Maid" zu lange den schönen Turlata anstarrte... Weil der Mensch geboren wird, um, trotz guter Jahre, zu streben; Geschlechter kommen, um wieder zu gehen, der Turlata aber steht in der Ewigkeit, und die Augen werden nicht satt von seiner Schönheit, und die Ohren nicht müde vom Vogelgesang.





Venzeslav Konstantinov, Der Gipfel Turlata
- In: "Kurorte in Bulgarien", Sofia, H. 5, 1979.



© Venzeslav Konstantinov, 1979

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