ZWISCHEN MUSIK UND LITERATUR ODER ÜBER EINE VERSUCHUNG

"SN" zu Gast bei Wenzeslaw Konstantinow


      Von Emil BASSAT

      "EB: Das vom Fußboden bis zur Decke mit Bücherregalen versehene Zimmer ähnelt eher einer Mönchszelle als einem modernen Wohnraum. Wie aus einer anderen Welt kommend, klingen die Stimmen der Sänger im "Messias" von Händel. Mag nun der zur Neige gehende Tag die Ursache sein oder die feierliche Musik, aber in mein Gespräch mit Wenzeslaw Konstantinow, dem Kenner und Übersetzer deutschsprachiger Literatur, schleicht sich eine eigentümliche Vision. Unbemerkt haben sich Hermann Hesse, Franz Kafka, Heinrich Böll und noch einige "Freunde" des Übersetzers zu uns gesetzt. Max Frisch kommt etwas später hinzu. Eine merkwürdige Gesellschaft für den fröhlichen und aufgeschlossenen Wenzeslaw Konstantinow."

      WK: Als ein meist lebhafter Mensch habe ich schon immer ein Interesse für Gegensätze gehabt. Ich erinnere mich, wie ich in einem Interview über Hesse für die Zeitung "ABC" sagte, daß die jungen Leute nicht an den Verfall, an den Tod denken. Das ist eins der Hauptprobleme, das mich bei den Autoren, die ich übersetze, beschäftigt. Bei Kafka gefällt mir sein Humor. Er schafft unheimliche, absurde Situationen, durch die jedoch eine gewisse Heiterkeit schimmert, die auch die höchste Not erträglich macht. Während Rilke "mit dem Herzen denkt", so empfindet Kafka mit seinem Verstand. Seine Heiterkeit hat ihren Ursprung darin, daß er die Welt aus der Vogelperspektive betrachtet. Die Emotionalität wird bei Kafka von einem starken, analysierenden Verstand umklammert, der Krankhaftes sichtbar macht. Er ergötzt sich nicht am Leid, er zeigt es uns.

      "EB: Und trotzdem suchen Sie etwas in ihm, das Sie stark und anhaltend beschäftigt."

      WK: Ja. Sie haben es treffend ausgedrückt. In Kafkas Heiterkeit entdeckte ich einige meiner eigenen Gedanken über die sogenannte ruhelose Seele. Hierher rührt auch mein Interesse für Elias Canetti, der mich besonders durch seine Biographie beeindruckt. Das ist die Biographie eines ruhelosen Menschen, Er ist ein Weltbürger (so nannte sich auch S. Zweig), sein Schicksal hat es so gefügt. Spanien, die Türkei, Bulgarien, England, Österreich und die Schweiz vereinen sich in ihm. Als ich sein Stück "Hochzeit" las, spürte ich, daß dieses Problem bei ihm eine Rolle spielt. Es wird Ihnen sicherlich merkwürdig erscheinen, aber mein Interesse für die deutsche Literatur und Kultur kam über die Musik, die deutsche Musik. Meine Eltern sind beide Musiker. Ich selbst wollte Pianist werden. Meine Eltern sprachen Deutsch, und mein Großvater hatte in Halle Philosophie studiert. Von klein auf lebte ich mit deutschen Büchern und deutscher Musik.

      "EB: Trotzdem sind Sie nicht Musiker, sondern Übersetzer geworden. Gab es dafür irgendeinen Anstoß, ein Vorbild vielleicht?"

      WK: Schon als Kind las ich die Bücher von Erich Kästner, und sie gefielen mir so, daß ich nachsah, wer sie übersetzt hatte. So weckte Wladimir Mussakow in mir das Interesse für die Kunst des Übersetzens. Mein großes Vorbild bleibt jedoch Dr. Dimiter Stoewski, der mir sowohl durch sein übersetzerisches Schaffen als auch durch seine freundschaftlichen Ratschläge half.

      "EB: Wieviel Bücher haben Sie bis jetzt übersetzt?"

      Wk: Insgesamt neunzehn - Romane, Erzählungen, Märchen für Kinder, ein Drama und Gedichte. Außerdem bin ich an ebensoviel Sammelbänden mit Übersetzungen beteiligt.

      "EB: Vor kurzem ist der Sammelband ''An der Baumgrenze'' mit Werken von zehn deutschsprachigen Erzählern des 20. Jahrhunderts erschienen. Um was für eine Grenze geht es dabei in Wirklichkeit?"

      WK: Anregung für den Titel des Sammelbandes gab eine Erzählung von Thomas Bernhard, die stark von Kafka beeinflußt ist. In ihr geht es um die Grenze des Pflanzenwuchses, hinter der die Öde beginnt. Ich möchte in dem Sammelband Grenzzustände des menschlichen Lebens aufzeigen - Liebe, Tod, Gewalt, Entfremdung, Einsamkeit (als geistiger Begriff). All dies steht mit der Beziehung Mensch - Natur in unverfälschter Weise im Zusammenhang.

      "EB: Ist das für einen Übersetzer nicht sehr belastend, führt es nicht zu gewissen inneren ''moralischen Verletzungen''?"

      WK: Es ist völlig klar, daß der Übersetzer alle Stimmungen des Autors mitempfindet. Aber darin liegt auch eine Versuchung. Man kann nämlich vergessen, daß die Aufgabe des Schriftstellers darin besteht, alle fremde Welten zu verwerfen, um eine eigene zu schaffen, während der Übersetzer sich selber verleugnen muß, um sich in die Welten der verschiedenen Autoren hineinzuversetzen. Der Übersetzer ist ein typischer Homo ludens, ein spielender Mensch. Er existiert einzig und allein dadurch, daß er die unterschiedlichsten Rollen spielt.

      "EB: Sicherlich ist dieses endlose ''Spiel'' reizvoll und schwierig zugleich?"

      WK: Selbstverständlich. Der größte Genuß beim Übersetzen ist das Gefühl der geistigen Nähe, der geistigen Vereinigung mit dem zu übersetzenden Autor, die immer wieder auf eine andere Weise vor sich geht, so findet der Übersetzer auch allmählich zu sich selbst.





"SN" zu Gast bei Wenzeslaw Konstantinow, Zwischen Musik und Literatur oder Über eine Versuchung
- In: "Sofioter Nachrichten", Sofia, Mittwoch, 16 Mai 1984.



© "SN" zu Gast bei Wenzeslaw Konstantinow, 1984

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