WILHELM TELL, FAUST UND LORELEI

Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov über deutsche Klassiker in Bulgarien



      Der Übersetzer und Essayist Wenzeslav Konstantinov, 1940 in Sofia geboren, lebt zur Zeit als DAAD-Stipendiat in Berlin. Er hat unter anderem Kafka, Canetti, Böll und Frisch ins Bulgarische übersetzt.

      An einem geographischen und kulturellen Scheideweg auf dem Balkan liegend, wurde Bulgarien in seinem geschichtlichen Werdegang immer nach Osten, nach dem orthodoxen Orient vom sprachverwandten Rußland gezogen, doch es strebte innerlich nach dem verruchten Westen, nach Europa und dem zivilisierten Abendland. Über die Wasserstraßen des Schwarzen Meers und der Donau konnte der Bulgare des vergangenen Jahrhunderts sowohl Odessa als auch Wien in gleichem Maß kennenlernen - und von Wien war nur noch ein kurzer Weg nach Deutschland, wo alles an Bedeutung gewann. So studierte mein Großvater um das Fin de siecle Philosophie in Jena (durch ihn erfuhr ich zum ersten Male vom Geschichtsprofessor Friedrich Schiller und vom Apfelschuß), und mein Vater erlernte Musiktheorie in Dresden und Leipzig der Zwischenkriegszeit (von ihm hörte ich von Goethe und dem Auerbachskeller: "Mein Leipzig lob' ich mir..."). Der dritte deutsche Dichter, der einen festen Platz im bulgarischen Bewußtsein einnahm, war zweifellos Heinrich Heine (meine Mutter sang und spielte gern Lieder nach seinen Texten: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..."). Also Wilhelm Tell, Faust und Lorelei - dies waren die Sinnbilder der deutschen Kultur für mich als Kind, und nicht nur für mich. Der Lieblingsdichter der jungen Bulgaren, der Revoluzzer des Geistes, ist immer Heinrich Heine gewesen. Goethe beschäftigte mehr die Literaten und die Künstler. Schiller dagegen die Denker und die Lebensphilosophen.

      Es ist also kein Wunder, daß gerade eine junge Nation, die erst 1878 ihre Unabhängigkeit gewann, mehr Interesse für Heines Lyrik zeigte, als für die Gedankenpoesie eines Schiller. Darin mag wohl auch ein Grund liegen, daß die früheste bulgarische Übersetzung von Schillers Werken eben das kleine lyrische Gedicht "Des Mädchens Klage" ist. Mit den Versen "Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn, / Das Mägdlein sitzet an Ufers Grün" könnte es auch von Heine stammen. Die bulgarische Version dieses Gedichtes wurde 1853 als eigenes Werk des Übersetzers, "dem Schiller nachgeahmt", in einer bulgarischen Zeitung von Zarigrad (Istanbul) veröffentlicht.

      Erst 1870 wurde Schillers Drama "Die Räuber" vom Literaturkritiker Nescho Bontschev (wahrscheinlich aus dem Russischen) übersetzt und im rumänischen Emigrantenzentrum, der Donaustadt Braila, herausgebracht. Diese Übersetzung regte den Dichter Iwan Wasov an, sein berühmtes Drama "Häschowe" nach dem Vorbild von Schillers "Räuber" zu verfassen.

      Gerade 1876, im Jahre der großen politischen Verschwörung, des Aprilaufstandes, der zur Befreiung Bulgariens von der türkischen Fremdherrschaft durch die Russen führte, erschien in Istanbul Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" in bulgarischer Übersetzung. Dies mag eine merkwürdige kulturpolitische Parallele sein!

      Die eigentliche Rezeption der Werke Schillers in Bulgarien fand aber erst in der Zeit der nationalen Erhebung nach 1878 statt. Es wurden "Die Jungfrau von Orleans" (1879) sowie "Wilhelm Tell" (1880) übersetzt und auf Laienbühnen gespielt. Die allmähliche Erweiterung des öffentlichen Interesses an Schiller geschah, indem sie der freien Entwicklung der literarischen Bedürfnisse folgte, allerdings nur bis zum Ausgang des Zweiten Weltkrieges.

      Unter den Verhältnissen des "realen Sozialismus", als erlernbares poetisches Handwerk über die geniale Intuition gestellt wurde, veränderte sich die Aneignung der Werke Schillers sehr rasch. Friedrich Schiller galt der marxistisch-leninistischen Doktrin als "subjektiver Idealist" und Anhänger des "konterrevolutionären Philosophen" Immanuel Kant. Deshalb wurden seine literarischen Visionen jahrzehntelang als "schädlich" gebrandmarkt. Alle Versuche, wenigstens Schillers Gedichte zu übersetzen und zu veröffentlichen, wurden als "ideologische Diversion" von der Zensur gestoppt. Erst 1955-56 durfte eine dreibändige Ausgabe anläßlich des 150. Todestages des Dichters erscheinen. Die Werkauswahl war ausgesprochen tendenziös und die Übersetzungen entsprachen dem damaligen Stand der Übersetzungskunst in Bulgarien nicht im geringsten. Manche Gedichte wurden sogar nach russisch-sowjetischen Übersetzungen frei nachgedichtet. Die letzte, einbändige Ausgabe seiner Gedichte, Dramen und ästhetischen Schriften aus dem Jahre 1983 (an der auch ich als Übersetzer mitwirken konnte) umfaßt einen sehr geringen Teil vom Schillers poetischen Werk.

      In all den Jahren der kommunistischen Diktatur in Bulgarien, die erst vor kurzem mit den freien Präsidentenwahlen endgültig beseitigt werden konnte, wurde der "Materialist" Goethe gegen den "Idealisten" Schiller ideologisch ausgespielt. Die Werke des "Weimarer Olympiers" erschienen daher in einer fünfbändigen Ausgabe - zum Teil in meiner Übersetzung - schon vor einigen Jahren in Bulgarien.

      Es ist eine Ironie des Schicksals, daß nach dem politischen Umbruch im Lande (1989) Schiller nicht aus ideologischen, sondern aus ökonomischen Gründen kaum mehr übersetzt und herausgegeben wurde. Nun aber, als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (mit einer Einladung aus dem Jahre 1980!), bin ich endlich imstande, mich einem alten Vorhaben, nämlich einer bulgarischen Ausgabe der "Gedichte von Friedrich Schiller" in einem Band zu widmen. Dazu trug wesentlich die Unterstützung durch die Deutsche Schillergesellschaft in Marbach bei, der kleinen schwäbischen Stadt am Neckar, wo Friedrich Schiller 1759 das Licht der Welt erblickte, um nach Jahren des Kampfes gegen die Unbewohnbarkeit dieser Welt zur Erkenntnis zu gelangen: "Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität."





Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov über deutsche Klassiker in Bulgarien, Wilhelm Tell, Faust und Lorelei
- Zitty, Berlin, Nr. 4, 13. Februar 1992.



© Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov über deutsche Klassiker in Bulgarien, 1992

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