DÜRRENMATT FÜR BULGARIEN

Ein Interview mit Wenzeslav Konstantinov
von Hans Mühlethaler


      Was interessiert die Bulgaren an Dürrenmatt, frage ich Konstantinov, der als Gast der Pro Helvetia seit einigen Wochen in Bern weilt, um eine zweibändige Dürrenmatt-Ausgabe vorzubereiten. Die Antwort erfolgt spontan:

      "Dürrenmatt ist ein sehr wichtiger Autor für uns. Was an ihm besticht, ist die groteske Schreibweise, als Gegensatz zum sozialistischen Realismus, wie ihn das kommunistische Regime verordnet hatte. Aber auch seine Thematik: das Problem der Macht, die Frage der Bestrafung, der Gegensatz von Mensch und Wissenschaft, von Recht und Gewalt."

      Bulgarien mit heute neun Millionen Einwohnern war fünfhundert Jahre lang unter türkischer Herrschaft. Nach der Befreiung 1878 öffnete es sich dem Westen, so auch der deutschen Literatur. Goethe, Schiller, Heine wurden häufig übersetzt, später, in den dreissiger Jahren, auch Schnitzler, Stefan Zweig, Hofmannsthal.

      Die "sozialistische Revolution" von 1944 markiert das Ende dieser Öffnung. Deutsch war als Sprache der Nazis verpönt. Die Schriftsteller wurden einer strengen Kontrolle unterworfen. Manche, die den politischen Wechsel nicht mitmachen konnten, verkümmerten. Andere passten sich an, wurden überzeugte Kommunisten, manchmal auch Mitarbeiter der Stasi. Die Kritik an Staat und Partei war verboten. Trotzdem gab es sie: verschlüsselt oder in geschichtliche Stoffe gehüllt, so dass die Zensur übertölpelt werden konnte. Fremdsprachige Schriftsteller wurden eingeteilt in Freund und Feind, in Gegner und Wegbereiter des Sozialismus. Die Einstufung konnte über Nacht ändern. Heinrich Böll, der lange Zeit als Freund des Sozialismus galt, wurde plötzlich den Reaktionären zugerechnet, weil er sich für Solschenizyn eingesetzt hatte. Das bekam Konstantinov zu spüren. Er hatte Böll übersetzt, auch Frisch, Kafka, was ein Frevel war. Die Stasi drohte ihm mit der Verbannung. Er zog sich in ein kleines Dorf an der griechischen Grenze zurück. Zwischen 1979 und 1990 durfte er nicht mehr in westliche Länder reisen.

      Heute, nach dem Umbruch, steht Bulgarien wieder am Anfang. Es sucht seine Identität, sucht den Anschluss an den Westen. Es möchte aber auch vermitteln zwischen der kontemplativ-orientalen und der aktiv-okzidentalen Lebenshaltung, wie es seiner geographischen Lage entspricht. Die Schweiz hegt hoch im Kurs, ist für die Bulgaren das Sinnbild eines idealen Staates. Ein Urteil, das bei den Lesern der Dürrenmatt-Ausgabe relativiert werden dürfte, werfe ich ein. Auf Bulgariens Staatsgebiet leben türkische, armenische, rumänische Minderheiten friedlich nebeneinander - wenigstens bis heute. Jugoslawien ist nahe: ein abschreckendes Beispiel.

      Nach dem Umbruch konzentrierte sich das Interesse der bulgarischen Leser auf die politische Literatur. Aber auch auf das, was man unter dem kommunistischen Regime hatte entbehren müssen: Krimis, Pornos, esoterische Literatur. Erst wenn der Hunger nach dem Verbotenen gestillt ist, wird die belletristische Literatur wieder eine Chance haben. Die alte Garde der kommunistischen Autoren findet heute keinen Verleger, obschon gerade sie offenzulegen hätte, wie es wirklich gewesen ist. Dehn die Verherrlichung der Zukunft, das Schweigen über die Gegenwart und die wechselnde Interpretation der Vergangenheit waren ein unverkennbares Merkmal der kommunistischen Propaganda, was Konstantinov zum Aphorismus veranlasst hat: "Im kommunistischen Staat weiss man alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart, und die Vergangenheit ist Staatsgeheimnis."


      "Der bulgarische Übersetzer und Herausgeber Wenzeslav Konstantinov in Bern: ''Im kommunistischen Staat weiss man alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart, und die Vergangenheit ist Staatsgeheimnis''."





Ein Interview mit Wenzeslav Konstantinov
von Hans Mühlethaler, Dürrenmatt für Bulgarien
- Der Bund, Bern, Freitag, Nr. 49, 28. Februar 1992.



© Ein Interview mit Wenzeslav Konstantinov
von Hans Mühlethaler, 1992

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