DIE MARKTWIRTSCHAFT HAT DIE PARTEIZENSUR ABGELÖST

Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov




      "In Bulgarien wimmelt es von neuen literarischen Veröffentlichungen. Der ''sozialistische Realismus'' ist einer Poesie gewichen, die so hässlich wie die neue Wirklichkeit ist. Zum bulgarischen Literaturleben im Herbst 1992."


      Aufgrund eines fast religiösen Glaubens an die Macht des Wortes war der Partei-Apparatschik im kommunistischen Bulgarien fest davon überzeugt, dass literarische Werke Regierungen an die Macht bringen oder sie stürzen könnten. Daher wurde man als Schriftsteller in Bulgarien sehr ernst genommen. Wer sich literarisch betätigen wollte, musste nolens volens mit dem Regime kollaborieren. Jedes geschriebene Wort, das von der Zensur zugelassen wurde, diente zur Fassadenverzierung der Diktatur.

      "Literatur in der Isolation"

      Im Herbst 1989 wurde der Generalsekretär der Bulgarischen Kommunistischen Partei gestürzt. Dies leitete eine stürmische politische Entwicklung im Lande ein, es kam zu den ersten freien Wahlen seit 45 Jahren, und denen zufolge mussten die Kommunisten ihre Alleinherrschaft einbüssen. Eine neue literarische Entwicklung konnte beginnen. Die in Bulgarien des Sozialismus geschriebene Literatur war trotz des ideologischen Zwanges und trotz der Anpassungshaltung vieler Schriftsteller im grossen und ganzen niemals identisch mit der Kulturpolitik der Partei. Sie wurde von einem oft unbewussten Streben nach weiteren, demokratischeren Horizonten getragen. Sie hatte zwar ihre legitimen und vorbildlichen Repräsentanten, aber sie entwickelte sich in der Isolation, ihre geistigen Traditionen sowie ihre Beziehung zur europäischen Kultur waren abgebrochen. In der kommunistischen Diktatur entstand keine einzige Kunstströmung, keine literarische Schule.

      "Die Auskostung der Freiheit"

      Nach dem demokratischen Umbruch galt es als erstes, die kommunistischen Tabus zu durchbrechen und die neugewonnene Lese- und Publikationsfreiheit voll auszukosten. Die früher verbotene dissidente Literatur fand grosse Verbreitung. Es erschien zum Beispiel in zweiter Auflage das vormals von den Buchhandlungen eingezogene Buch "Der Faschismus" von Shelju Shelev, dem ehemaligen Oppositionsführer und gegenwärtigen Präsidenten der Republik. Noch vor der Wende war zwar viel an dissidenter Literatur aus der im Zeichen von Glasnost und Perestroika stehenden Sowjetunion gekommen, die kommunistische Macht in Bulgarien hatte jedoch zum ersten Mal auch sowjetische Druckschriften unter Zensur gestellt.

      Im posttotalitären Bulgarien wimmelt es nun von neuen Veröffentlichungen. Viele literarische Zeitungen und Journale schiessen aus dem Boden: manche tragen die Namen von einst untersagten Zeitschriften wie "Hyperion" und "Now Slatorog", andere heissen bedeutungslos "Swep" und "Nawa", oder vieldeutig "Most" (Brücke) und "Glass" (Stimme). Diese beiden konnten allerdings noch im letzten Jahr der Diktatur erscheinen. Es sind übrigens die ersten vom Staat unabhängigen Literaturzeitschriften in Bulgarien. "Most" hat sich schon vor dem Umbruch als Forum für Autoren verstanden, die sonst nicht veröffentlichen konnten.

      Sehr rege ist heutzutage das Interesse für essayistische Literatur sowie für kritische Erinnerungen an die vergangene Zeit; eine wahre Memoiren-Welle hat den bereits freien Buchmarkt in Bulgarien überflutet. Unter den jüngeren Lesern hat sich der Dichter Boiko Lambowski einen Namen gemacht. Seine Lyrik hat nichts mit dem zu tun, was früher "sozialistischer Realismus" hiess. Seine Poesie ist hässlich wie die neue Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit kann ein Poet nicht besingen, in ihr und über sie kann er nur lallen, irrereden, bellen und kotzen; für ihn gibt es keine "Flucht in die Einsamkeit" mehr, kein "Arkadien", keine platonische Liebe, keinen Enthusiasmus. Die Poesie von Boiko Lamboswki ist keine Poesie des Protestes; sie fordert nichts, sie vermittelt keine Botschaft, sie erhebt keine Ansprüche; sie will eine Momentaufnahme der bulgarischen Ödnis sein, und sie ist es. Das ist aber auch die immanente Gegenwart von Kultur in Form von Anspielungen, Reminiszenzen, Zitaten aus dem europäischen Erbe, das Bewusstsein vom Werk, das jedoch seine Spontaneität nicht beeinträchtigt, das Gleichgewicht zwischen ironischem Pathos und lyrischem Höhenflug.

      "Nach der Zensur der Profit"

      Die Zeiten sind so, dass vielen bulgarischen Schriftstellern Leben jetzt wichtiger ist als Schreiben. Denn die Ebenen Leben und Schreiben waren vormals grotesk auseinandergeraten. Ihre Bücher werden auch nicht mehr so einfach verlegt und verkauft wie früher. Die Verlage werden privatisiert und wollen Profit machen: Es scheint, als ob zwischen Autor und Leser nun statt der Partei die marktwirtschaftliche Verteilung getreten ist - mit dem gleichen, verheerenden Ergebnis. Die Zensur, sowohl die politische als auch die moralische, ist verschwunden. Es wird in Bulgarien jetzt auch die Erotik entdeckt, die Pornographie, der harte Krimi. Auf den Strassen werden die ersten bulgarischen Sexmagazine verkauft. Neben Erotika richtet sich das verstärkte Interesse vor allem auf Bücher über Astrologie, Numerologie und andere esoterische Lehren. Auch hier hat die westliche Kulturindustrie Vorrang.

      "Unbekannte Gegenwart"

      Vor Jahren hatte ich einen Aphorismus verfasst, der mir zur Situation der bulgarischen Literatur im Umbruch zu passen scheint: "Im Sozialismus weiss man alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart, und die Vergangenheit ist Staatsgeheimnis." Heute gilt es, die unbekannte eigene Gegenwart zu erforschen und sie literarisch zu verarbeiten, auf dass sie gesellschaftlich vermittelt und so bewältigt werden könnte. Ein möglicher Ausweg zur Wiederfindung der in der Diktatur verlorenen kulturellen Identität ist die Wiederherstellung des natürlichen Spannungsfeldes der geistigen Einflüsse von Russland und Europa, jedoch unter Einbeziehung von Einwirkungen durch den Mittelmeerraum: Griechenland, Italien, Spanien.

      Denn Bulgarien, wie auch andere ehemalige sozialistische Länder, die mehrere Jahrzehnte lang unter "russischer Hypnose" gestanden haben, ist von der geistigen Entwicklung Europas zurückgeblieben, und es gibt wieder vieles nachzuholen. Erst dann wird das literarische Leben Bulgariens durch die verschiedensten kulturellen Einwirkungen geprägt, die einander durchdringen; erst dann entfaltet es sich wieder voller Widersprüche und verläuft wieder sprunghaft und chaotisch, also durchaus normal. Wenzeslav Konstantinov, Sofia


      "Der Bulgare Wenzeslav Konstantinov (1940) unterrichtet Übersetzung deutschsprachiger Dichtung an der Universität Sofia. Er is Herausgeber verschiedener Anthologien und Werkausgaben deutschsprachiger Schriftsteller."





Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov, Die Marktwirtschaft hat die Parteizensur abgelöst
- Berner Zeitung BZ, Bern, Mittwoch, 11. November 1992.



© Ein Gespräch mit Wenzeslav Konstantinov, 1992

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